Wird man durch Lesen ein besserer Mensch?
So mancher Roman zieht sich bei der Lektüre. Nicht selten muss man Sätze zweimal lesen. Weshalb Lesen dennoch lohnt, erklärt der Lehrstuhlinhaber für Neuere Deutsche Literatur, Professor Mathias Mayer.
Sicherlich nicht, denn zu oft führt uns die Literatur selbst vor Augen, dass wir durch Lesen auf Abwege geführt werden, wie etwa Don Quijote, der gar durch die Bücher den Verstand verliert. Aber indem es eben ein großer Roman ist, der genau davon erzählt, wird das Lesen nicht verboten, sondern übt seine Magie aus. Die Aufgabe der Literatur liegt denn auch nach Aristoteles nicht in der Mitteilung dessen, was wirklich geschehen ist, sondern vielmehr dessen, was geschehen könnte: Es ist die Faszination ihres Möglichkeitkeitssinns (so Robert Musil), mit der das Lesen zwar nicht zur Verbesserung, aber doch wohl zur Bewältigung des Lebens und seinen Erfahrungen beiträgt. In einer zerbrechlichen Welt, in der es (abermals Aristoteles) wahrscheinlich ist, dass sich manches auch gegen die Wahrscheinlichkeit abspielt, sind gerade die weniger verankert scheinenden Bücher diejenigen, die uns die Wirklichkeit besser begreifen lassen. Wir werden dadurch wohl selten bessere Menschen, aber es spricht sehr viel dafür, dass diejenigen, einst und jetzt, die die Bücher verbrennen oder verbieten, Angst vor der Wahrheit haben. Nicht so sehr mit den Mitteln der Wirklichkeit selbst wird die Wahrheit formuliert, sondern die Tatsachen, die die Welt ausmachen, heißt es bei der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, brauchen das Nicht-Tatsächliche, um von ihm aus erkannt zu werden.