Warum richtet sich die Schreibung nicht immer nach der Aussprache?
Englische Wörter schreibt man selten so, wie sie ausgesprochen werden. Dass dies nicht immer so war und weshalb es heute nicht geändert wird, legt Professor Wolfram Bublitz, Lehrstuhlinhaber für Englische Sprachwissenschaft, dar.
Wer englische Wörter so ausspricht, wie sie geschrieben werden, blamiert sich meistens. Woran liegt das und warum wird nichts dagegen getan? Macht man einen Sprung zu den überlieferten Anfängen des Englischen, in die ersten Jahrhunderte der altenglischen Zeit (ca. 700-1066), so findet man ein Sprachsystem vor, das unserem Althochdeutschen erstaunlich ähnlich ist; Aussprache und Schreibung beider Sprachen fallen oft zusammen. Doch heute, einige sprachliche Eroberungen und mehr als 20 Akzent- und Lautveränderungen später, erkennen wir das einst so offenkundig germanische Englisch kaum noch wieder. Es ist vor allem auf die sog. Große Lautverschiebung (15. - 18. Jhd.), die alle langen Vokale qualitativ veränderte (/a:/ zu /ei/, /e:/ zu /i:/, /i:/ zu /ai/, /o:/ zu /u:/ und /u:/ zu /au/), zurückzuführen, dass englische Muttersprachler heute mit verblüffender Regelmäßigkeit die Vokale eben genau nicht mehr so aussprechen, wie sie noch im 14. Jhd., etwa von Geoffrey Chaucer, geschrieben wurden. Der Grund für die Beibehaltung der alten Schreibung liegt darin, dass sie durch die Einführung des Buchdrucks in England (1476) fixiert wurde. Man fragt sich natürlich, wieso die englische Rechtschreibung nicht längst reformiert wurde (anders als die deutsche, die es unter diesem Gesichtspunkt der Übereinstimmung von Schreibung und Aussprache weit weniger nötig hätte). Zwar hat es durchaus Reformversuche gegeben (etwa von Henry Sweet, dem Vorbild für Bernard Shaws Figur des pedantischen Phonetikers Henry Higgins in Pygmalion bzw. My Fair Lady), doch sie sind alle gescheitert. Seit 500 Jahren hält man an denselben Rechtschreibkonventionen fest. Ob dies auf das oft bediente Klischee britischer Traditionsgläubigkeit oder die Abwesenheit einer institutionellen Sprachinstanz, einer Academie anglaise, zurückzuführen ist, darüber ist man sich nicht einig. In jedem Fall können wir rechtschreibreformgeplagten Deutschen erkennen, dass es auch anders geht.