Ist der Ehrliche der Dumme?
Jeder weiß, dass Lügen kurze Beine haben und Nasen erstaunlich wachsen lassen können. Ein Blick auf die Gesellschaft lässt diese Spruchweisheiten jedoch anzweifeln. Ob der Ehrliche also letztlich der Dumme ist, erläutert Moraltheologe Professor Dr. Klaus Arntz.
Beim flüchtigen Blick auf die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit unserer Tage könnte man geneigt sein, diese Frage zu bejahen. Auf der anderen Seite wissen wir aus eigener Erfahrung, dass Lügen kurze Beine haben. Unehrlichkeit und einseitige Vorteilsnahme gefährden das für ein funktionierendes Gemeinwesen unerlässliche Vertrauen in Personen und Institutionen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise, aber auch die aktuelle Krise der Kirche haben das unübersehbar verdeutlicht. Verlässlichkeit und Aufrichtigkeit sind nicht nur in wirtschaftlichen Angelegenheiten wichtig, sondern wir wollen auch in unseren persönlichen Beziehungen darauf keinesfalls verzichten.
Schon Aristoteles hat die untrennbare Verbindung zwischen dem guten und dem glücklichen Leben unterstrichen. Immanuel Kant verdeutlicht jedoch, dass ein Mensch, der sich an moralischen Maßstäben orientiert, sich um ein pflichtgemäßes Handeln bemüht und vernünftigen Leitlinien folgt, nicht unbedingt ein bequemes Leben hat.
Dieser Gedanke ist der christlichen Ethik bestens vertraut. Der drohenden Entmutigung zur Verwirklichung des Guten durch die vermeintlichen Zwänge des Alltags begegnet die Moraltheologie mit der Ermunterung – aus dem Geist gelebter Gottes- und Nächstenliebe – zu „Virtuosen des ersten Schritts“ zu werden, wenn es darum geht, an einem aufrichtigen, ehrlichen und vertrauensvollen Miteinander in Gesellschaft, Politik und Kirche zu arbeiten.