Gibt es gute und schlechte Literatur?
Urteilt man über Bücher, so wird rasch zu Kategorien wie 'trivial' oder auch 'elitär' u.Ä. gegriffen. Ob eine Unterscheidung in gute und schlechte Literatur überhaupt legitim ist, beleuchtet Literaturwissenschaftler Prof. Dr. Günter Butzer, Ordinarius für Vergleichende Literaturwissenschaft/Europäische Literaturen.
Ja und nein, kann man darauf antworten. Denn obwohl wir alle unsere Maßstäbe zur Beurteilung literarischer Texte haben – sie reichen von ‚schön‘ und ‚anregend‘ bis ‚spannend‘ und ‚lehrreich‘ -, existieren schon seit dem 19. Jahrhundert keine allgemein verbindlichen Richtlinien zur Bewertung von guter und schlechter Literatur mehr. Das liegt an der Ausdifferenzierung unterschiedlicher ‚Geschmacksträgergruppen‘, wie das der Literatursoziologe Levin L. Schücking genannt hat. Während es bin ins 18. Jahrhundert hinein meist eine führende Bildungsschicht in den Staaten Europas (und nicht nur dort) gegeben hat, die z.B. von der höfischen Gesellschaft, von den Gelehrten oder vom Bürgertum gestellt wurde, vervielfältigten sich die Geschmacksträgergruppen mit der Ausbildung funktional differenzierter Gesellschaften. So entstand eine Gleichzeitigkeit unterschiedlicher literarischer Werte, die bis heute anhält und die neben Erkenntnis und Wohlgefallen auch Irritation und Unterhaltung bis hin zum sinnlichen Genuss an Literatur beinhaltet. Am falschen Kriterium gemessen, wird man keinem Text gerecht – weder dem neuen Roman Stadt der Engel von Christa Wolf, von dem man sinnlichen Genuss erwartet, noch einem Roman wie American Psycho von Bret Easton Ellis, den man mit Wohlgefallen lesen möchte. Gute und schlechte Literatur gibt es also nur in Bezug auf einen gemeinsamen Maßstab, nicht aber schlechthin. Und welchen Maßstab wir bevorzugen, ist zum Glück Sache unserer freien Wahl. Denn, so schon Horaz: „non omnes eadem mirantur amantque“ (ep. II, 2, 58) - „nicht alle schätzen und lieben das Gleiche“.