Wo hört Europa auf?
Die Grenzen Europas lassen sich nicht einfach definieren. Woran dies liegt, erklärt Prof. Dr. Silvia Serena Tschopp vom Lehrstuhl für Europäische Kulturgeschichte.
Dass die Definition dessen, was wir als ‚europäische Kultur‘ zu bezeichnen pflegen, mit Schwierigkeiten verbunden ist, gilt als allgemein bekannt; überraschender dürfte die Tatsache sein, dass Europa auch in geographischer Hinsicht umstritten war und ist. Dies hängt vor allem damit zusammen, dass der Kontinent Teil der eurasischen Landmasse bildet und damit keine geographisch eindeutige Ostgrenze aufweist. Auf die Frage, wo Europa aufhört, wurden im Verlauf der Geschichte denn auch unterschiedliche Antworten gefunden: Galten in der Antike und im Mittelalter in der Regel der Bosporus und der Don als Grenzscheide zwischen Europa und Asien, setzte sich im 18. Jahrhundert schließlich der Vorschlag des schwedischen Offiziers und Geographen Philip Johan von Strahlenberg durch, der 1730 die Grenze zwischen Europa und Asien entlang des Urals festgelegt hatte. Strahlenbergs durchaus kontrovers diskutierte These war erfolgreich, weil sie einem politischen Bedürfnis entgegenkam: Wenn der Ural die Grenze zu Asien markierte, konnten jene Zentren Russlands, die seit den Reformen Peters I. (des Großen) zunehmend dichte politische, wirtschaftliche und kulturelle Beziehungen mit westeuropäischen Staaten pflegten, Europa zugeschlagen und Russland damit in das europäische Mächtesystem integriert werden. Die aktuelle Diskussion über eine zukünftige Mitgliedschaft der Türkei und Russlands in der EU macht allerdings deutlich, dass die Frage, wo Europa aufhört, gegenwärtig wieder offen scheint.