Warum sind Vampirgeschichten in Amerika so erfolgreich
Vampirgeschichten gehören in den USA zu den beliebtesten Genres in Film, Fernsehen und Literatur. Weshalb dies so ist, erläutert Dr. Timo Müller, Mitarbeiter am Lehrstuhl für Amerikanistik.
Nicht erst seit Stephenie Meyers Twilight-Serie gehören Vampirgeschichten zu den beliebtesten Genres in Film, Fernsehen und Literatur der USA. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen schließt die Schauergeschichte in den USA so bedeutende Schriftsteller wie Edgar Allan Poe und Nathaniel Hawthorne ein und erfährt ihre moderne Fortführung in Hollywoodfilmen und populären Romanserien. Zum anderen hat die erstaunlich wandelbare Figur des Vampirs immer wieder als Projektionsfläche von Ängsten und Sehnsüchten der amerikanischen Gesellschaft gedient. Im 19. Jahrhundert, das von strikten Moralvorstellungen geprägt war, verkörperte der Vampir die Faszination der Sexualität wie auch die Bedrohung, die von ihr ausging. Der Sensationserfolg von Bram Stokers Dracula (1897) hatte auch damit zu tun, dass Erotik in ‚normalen‘ Romanen keinen Platz fand. Das änderte sich spätestens nach der sexuellen Revolution der 1960er Jahre. In den Romanen von Anne Rice etwa, auf denen der Film Interview mit einem Vampir basiert, stehen die psychischen Probleme im Vordergrund, die mit der Außenseiterrolle und dem ewigen Leben des Vampirs einhergehen. Ein neuer Akzent deutet sich seit den Twilight-Romanen an: in völliger Umkehrung des Dracula-Modells ist der Vampir nun eine Art besserer Mensch, der seine Triebe zu kontrollieren gelernt hat und auch sexuell enthaltsam lebt. Gerade jüngere Fans scheinen sich von diesen Werten und den klaren Rollenmustern, die aus ihnen abgeleitet werden, angezogen zu fühlen.