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Was ist Sprache, was ist Dialekt?


Reinke__Kristin
Wie grenzt man Sprache und Dialekt voneinander ab? Dies ist schwierig, denn die Wurzel vieler Standardsprachen ist ein Dialekt. Romanistik Juniorprofessorin Dr. Kristin Reinke erläutert den Unterschied.



Wie grenzt man Sprache und Dialekt voneinander ab? Dies ist schwierig, denn die Wurzel vieler Standardsprachen ist ein Dialekt. So geht das Französische auf den franzischen, in der Pariser Region gesprochenen Dialekt zurück. Die Stadt Paris als wirtschaftliches und politisches Zentrum sowie Sitz des Königs spielten dabei eine bedeutende Rolle, dass dieser Dialekt die Grundlage der Standardsprache bildete. Ähnlich sieht es für Italien aus, das wohl das am stärksten dialektal zersplitterte Land Westeuropas ist. Hier bildet das Toskanische des 14. Jh. als Sprache der „großen Drei“ (Dante, Boccaccio, Petrarca) aufgrund seines literarischen Prestiges die Basis des heutigen Standarditalienischen. Allerdings ist die sprachimmanente Distanz zwischen manchen Dialekten so markant, dass die gegenseitige Verständigung kaum noch gegeben ist; man könnte also von eigenen Sprachen sprechen. Der strukturelle Unterschied zwischen einigen italienischen Dialekten kann mit dem zwischen dem Italienischen und dem Spanischen verglichen werden. Wenn ein geringer sprachinterner Abstand in manchen Fällen eine Einordnung als Dialekt durchaus rechtfertigen würde, ist es jedoch die Anwendung in allen wichtigen, Textsorten und Kommunikationsdomänen (z. B. Literatur, Sachprosa, Wissenschaft, Verwaltung), die einen Dialekt zur Standardsprache werden lässt. In Europa herrscht eine Einsprachigkeitsideologie vor, der zufolge sprachliche und politische Einheit eng miteinander verwoben sind, weshalb manche Dialekte trotz ihrer sprachlichen Verschiedenheit unter das Dach der Standardsprache gestellt werden. Rein sprachlich betrachtet, sind die romanischen Sprachen nichts weiter als moderne Dialekte des Latein.