Was ist das Gemeinwohl heute?
Historiker Prof. Dr. Wolfgang Weber sieht in der Definition von Gemeinwohl heute auch eine Verpflichtung zum Handeln.
Zu Recht hat die Verfasserin der ersten Antwort auf die Frage nach dem
Gemeinwohl auf zwei grundlegende Sachverhalte hingewiesen: Erstens dass
das Gemeinwohl als Gesamtinteresse einer Gesellschaft üblicherweise den in
dieser Gesellschaft unvermeidlich gegebenen Sonder- und Einzelinteressen
gegenübergestellt wird. Zweitens dass beide üblichen Auffassungen des
Gemeinwohls - einerseits als objektiv erkennbare Größe, andererseits als
je auszuhandelnde oder historisch entstehende Summe der Einzelinteressen -
Fallstricke enthalten und die pluralistisch-liberale Gesellschaft zur
zweiten Lösung neigt, um totalitäre Definitionen und Durchsetzungen eines
in Wirklichkeit nur von einer herrschenden Minderheit vertretenen
angeblichen Gemeinwohls zu verhindern.
An dieser Stelle wird man heute indessen nicht stehen bleiben dürfen. Denn
mit den unübersehbaren Bedrohungen der Grundlagen des Lebens überhaupt
bzw. der Gesellschaften und Staaten in Gestalt der Umweltzerstörung und
der zum Bankrott treibenden Finanzspekulation sind neue Herausforderungen
entstanden, von denen aus die Definition eines objektiven Gemeinwohls in
einem Kernbereich nicht mehr sonderlich schwer fallen kann. Abzuwarten,
bis es auch der letzten und kleinsten Interessengruppe einfällt, ihr
Sonderinteresse zugunsten der Erhaltung der Lebensgrundlagen aller
aufzugeben, können wir uns nach Auffassung derjenigen Wissenschaften, die
ihr Blickfeld nicht auf die unmittelbare Gegenwart verengen, nicht mehr
leisten.