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DFG-Forschungsstipendium: Erschließende Edition der 'Millstätter Predigtsammlung'


Bei der ‘Millstätter Predigtsammlung’ handelt es sich um einen der letzten bedeutenden und weitgehend unedierten mittelhochdeutschen Prosatexte aus der Zeit um 1200. Er ist in nur einer Handschrift (um 1200), d.h. unikal überliefert. Besitzerwechsel und Kriegsfolgen haben bisher eine vollständige Edition dieses einzigartigen Denkmals früher deutscher Prosa verhindert. (Aus dem 19. Jahrhundert verfügen wir über Abdrucke von 20 bzw. vier Predigten der Sammlung.) Die ‘Millstätter Predigtsammlung’ ist mit ihren insgesamt 66 überlieferten Predigten die einzige unerschlossene der acht großen Sammlungen der Frühen deutschen Predigt, die im europäischen Vergleich ein quantitativ und qualitativ einzigartiges Corpus katechetischer und adhortativer Texte in der Volkssprache aus der Zeit um 1200 darstellen. Bei den Texten der Frühen deutschen Predigt handelt es sich um Musterpredigten für die Hand des Seelsorgers, die zwischen 1170 und 1230 entstanden und noch nicht der Bettelordenspredigt zuzurechnen sind. Wie sowohl zahlreiche Passagen innerhalb der Frühen deutschen Predigt als auch einzelne Handschriften belegen, ist ein auch im engeren Sinne literarisch interessiertes Publikum um 1200 als Zielgruppe der Frühen deutschen Predigt anzusehen. Es besteht demzufolge eine Schnittmenge zwischen den potentiellen Rezipienten der höfischen Literatur und denen der Frühen deutschen Predigt. Die Predigten besitzen für den theologischen und frömmigkeitsgeschichtlichen Verständnishorizont eines laikalen Adelspublikums einen zentralen Stellenwert, der bislang unterschätzt wurde. Weil die ‘Millstätter Predigten’ in geradezu idealtypischer Weise die katechetischen und liturgischen Standardinformationen zu jedem Predigtanlass enthalten, stellt die Edition dieses letzten unerschlossenen Textcorpus um 1200 ein dringendes Forschungsdesiderat dar. Die Bedeutung der ‘Millstätter Predigten’ für das Verständnis des theologischen Wissenshorizonts und Wissensbestands von Laien um 1200 kann nicht hoch genug eingeschätzt werden.

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