Zwischen Vergangenheitsbezug und Gegenwartskritik. Die Referentialität der Erzählung in zeitgenössischer Holocaust-Literatur (Arbeistitel)
Das große Bedürfnis nach Erinnerung und Gedenken an die Zeit um 1945 gewinnt aktuell an Brisanz: Durch das bevorstehende Aussterben der Zeitzeugengeneration und der damit verbundenen Übertragung des Erfahrungsgedächtnisses in ein mediales Gedächtnis, das sich notwendig auf materielle Träger wie Gedenkstätten, Museen und Archive stützt, sowie auf Bildangebote aus Kunst und Literatur. Diese gesellschaftliche Gegebenheit bringt derzeit eine Literaturform hervor, die sich eingehend mit der voranschreitenden Medialisierung des Gedächtnisses und den daraus entstehenden Gefahren von Verzerrung, Reduktion und Instrumentalisierung bestimmter Gedächtnisinhalte auseinandersetzt.
Diese Referentialität ist dabei nicht als Mangel an Authentizität oder Glaubwürdigkeit beschreibbar. Vielmehr eröffnet sie einen Resonanzraum, der eine Verschränkung von Vergangenheitsdarstellung mit der Kritik an gegenwärtigen Tendenzen des Gedenkens ermöglicht. Das heißt: Die Referenzstruktur, die bereits früheren Holocaust-Texten eignete, hat sich in den hier zu untersuchenden Werken bis auf den Punkt eines kritischen Rekurses auf die heutige Kultur des Gedenkens zugespitzt.
Gespiegelt wird das auf formalästhetischer Ebene in einer intensiven Verflechtung von Bild und Erzählung, die es zu untersuchen gilt. Dabei reichen die ästhetischen Strategien von einer untrennbaren Verflechtung von Fotografie und Erzählung über ein „Primat der Bilder“ in Graphic Novels bis hin zu ekphratischen Erzählweisen.