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Familiale Prozessbedingungen


Analyse familialer Prozessbedingungen des Bildungserfolgs von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund und/oder niedrigem sozioökonomischen Status (Arbeitstitel)



Beteiligte Personen

Valerie-D. Berner, Diplom-Pädagogin (Promovendin)

Prof. Dr. Markus Dresel (Erstbetreuer)

Kurzbeschreibung

Internationale und nationale Vergleichsstudien wie PISA, IGLU oder TIMSS verweisen auf eine enge Koppelung des Bildungserfolgs von Schüler(inne)n und deren sozialer wie kultureller Herkunft, wobei sich im internationalen Vergleich diese Koppelung in Deutschland als besonders eng erweist. Während diese Koppelung zwischen den genannten strukturellen Herkunftsmerkmalen und dem Bildungserfolg mittlerweile gut belegt ist, bestehen größere theoretische, empirische und praktische Forschungsdefizite hinsichtlich der dafür verantwortlichen Prozesse. Diese Defizite werden mit dem vorliegenden Promotionsprojekt unter Schwerpunktsetzung auf familiale Prozessbedingungen des Schulerfolgs adressiert. Betrachtet werden soll, neben der sozialen, kommunikativen und kulturellen Praxis der Familie, auch die motivationale Praxis, die hier als ein neues Konstrukt der familialen Prozesse eingeführt wird. Grundlegendes Ziel ist die Fokussierung auf das kausale Wechselspiel zwischen elterlicher Unterstützungspraxis und individuellen Lernprozessen und Leistungsergebnissen der Schüler(inne)n, wodurch Aussagen zur Entwicklung von Bildungsdisparitäten ermöglicht werden. So soll in zwei aufeinander aufbauenden empirischen Studien die Aufklärung dieser Prozesse fokussiert und anhand quantitativer und qualitativer Methoden erfasst und analysiert werden. In der Vorstudie werden Instrumente zur Erfassung des Konstrukts der motivationale Praxis entwickelt und empirisch überprüft. Basierend auf den Ergebnissen der Vorstudie wird die Hauptstudie mit N = 300 Eltern-Kind-Paarungen längsschnittlich mit vier Messzeitpunkten über den Übergang von der Grundschule zur weiterführenden Schule angelegt. Auf Grundlage der Ergebnisse der beiden Studien werden Vorschläge für ein Elterntraining zur Verbesserung der familialen Praxen entwickelt.

Ausführliche Projektbeschreibung

Forschungsstand und theoretischer Hintergrund

Eine größere Anzahl an Studien belegt eine Abhängigkeit der Bildungschancen von Schüler(inne)n von deren kultureller und sozialer Herkunft (z.B. BMBF, 2006). Die Kompensation solcher sozialer Disparitäten findet in der Grundschule scheinbar nicht statt. Vielmehr ist anzunehmen, dass die „Heterogenitätsmerkmale“ der kulturellen und sozialen Herkunft im Laufe der Schulzeit einen zunehmend negativen Einfluss auf den Erwerb schulischer Kompetenzen haben. Dennoch gibt es eine Gruppe von Schüler(inne)n, die trotz niedrigem sozioökonomischen Status und/oder Migrationshintergrund hohe Kompetenzen aufweisen und den Übergang in eine höhere Schule des sekundären Bildungsbereichs erfolgreich bewältigen. Anzunehmen ist, dass neben schulischen Einflüssen auch familiäre Prozessen im Zusammenhang von Lernen und Bildung bei der Vermittlung zwischen Heterogenität und Bildungserfolg eine Rolle spielen. Der Zusammenhang familialer Prozessbedingungen auf den Bildungserfolg gilt theoretisch als unbestritten. Allerdings stehen dem nur wenige empirische Studien gegenüber. Eine differenzierte Analyse familialer Prozessbedingungen des Bildungserfolgs, mit Blick auf den Übergang in die Sekundarstufe I scheint deshalb notwendig, um bisher unentdeckte Ressourcen festzustellen und gezielt fördern zu können.

Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich das Promotionsprojekt mit der Frage, ob und in welchem Ausmaß strukturelle Herkunftsmerkmale sowie familiale Prozessmerkmale in der Primarstufe für die Unterschiede in den Lernprozessen und somit auch für den Bildungserfolg der Schüler(innen) verantwortlich sind. Zentrale Annahme ist, dass neben der kulturellen, sozialen und kommunikativen Praxis, die individuellen Lernprozesse der Kinder auch durch die motivationale Praxis mediiert werden. Die motivationale Praxis, welche hier als ein neues Konstrukt der familialen Prozesse eingeführt werden soll, beinhaltet beispielsweise Leistungserwartungen, Aspirationen oder Attributionen der Eltern. Grundlage für das Projekt stellt eine Forschungsheuristik dar, die die Modelle von Baumert, Watermann und Schümer (2003) sowie Watermann und Baumert (2006) weiterführt und die bisherigen Forschungen integriert. Gegenüber den genannten Modellen, die auf die kulturelle und die kommunikative Praxis fokussieren, wird die motivationale Praxis hinzugefügt, da angenommen werden kann, dass ihr eine wichtige Funktion zukommt. Integriert werden ebenfalls Merkmale der Lernprozesse seitens der Schüler(inne)n. Die in diesem Promotionsprojekt zu untersuchenden Strukturmerkmale sind primär die des Migrationshintergrunds, des sozioökonomischen Status sowie des Bildungsniveaus der Eltern

Fragestellung

Aus den theoretischen Überlegungen sowie der Forschungsheuristik sind die Fragestellungen des Forschungsvorhabens abgeleitet:

  1. In welchem Ausmaß beeinflusst die motivationale Praxis die Lernprozesse sowie in der Folge den Bildungserfolg der Schüler(innen)?

  2. Können die bestehenden Disparitäten bei Schüler(inne)n mit Migrationshintergrund und/oder niedrigem sozioökonomischen Status durch den Einflussfaktor motivationale Praxis (unter Kontrolle der anderen Praxen) erklärt werden?

  3. Inwiefern, beeinflussen familiale Prozessmerkmale den Übergang von der Grund- zur weiterführenden Schule speziell bei Schüler(inne)n mit Migrationshintergrund und/oder niedrigem sozioökonomischen Status?

Untersuchungsdesign und Methoden

Um den Zusammenhang von Prozessen auf familialer Ebene und auf individueller Ebene (Lernprozesse) der Schüler(innen) abbilden zu können, sind eine Vor- und eine Hauptstudie geplant:

  • In der Vorstudie werden ca. 150 Grundschüler(innen) und deren Eltern hinsichtlich ihrer familialen Prozessmerkmale untersucht. Vorrangiges Ziel ist es, mittels qualitativer und quantitativer Verfahren (vgl. Treumann, 2009), Instrumente zur Erfassung des Konstrukts der motivationale Praxis zu entwickeln und zu validieren.

  • In der Hauptstudie werden die eingangs genannten Fragestellungen geprüft. Dazu wird ein längsschnittliches Design mit vier Messzeitpunkten (zwei Messzeitpunkte vor und zwei Messzeitpunkte nach dem Übergang in die Sekundarstufe I) realisiert. Circa N = 300 Eltern-Kind-Paare werden schriftlich, mittels eines Fragebogens sowie eines Tests (wobei Letzterer nur bei den Kindern eingesetzt wird), untersucht.

Ziel ist es, den Einfluss der motivationalen Praxis als einen Faktor der familialen Prozessmerkmale auf den schulischen Erfolg bei Schüler(inne)n mit Migrationshintergrund und/oder geringem sozioökonomischen Status hin zu analysieren (wobei individuelle Merkmale der Lernprozesse, wie beispielsweise die Qualität und Quantität der Lernhandlungen, kontrolliert werden). Schließlich sollen Zusammenhänge zwischen den strukturellen Herkunftsmerkmalen, den familialen Prozessmerkmalen und dem Übergang aufgedeckt werden.

Erwarteter Ertrag des Vorhabens

Mit dem Promotionsprojekt sind Befunde zu erwarten, die sowohl theoretische Implikationen für das Verständnis des Zusammenhangs von Heterogenität und Bildungserfolg als auch praktische Implikation für die Verbesserung der Bildungschancen von Schüler(inne)n mit der genannten riskanten Konstellation von Heterogenitätsmerkmalen haben. Durch die Fokussierung auf das kausale Wechselspiel zwischen motivationaler Praxis und individuellen Lernprozessen sowie Bildungserfolgen der Schüler(innen) sind Erklärungen der Bildungsdisparitäten möglich. Des Weiteren stehen Erkenntnisse in Aussicht, die einen Beitrag zur Forschungsliteratur zum Zusammenspiel struktureller Herkunftsmerkmale, prozessualer familialer Merkmale und dem Übergang liefern.

Hinsichtlich der Förderung familialer Bildungsprozesse dürften die Erkenntnisse des Promotionsprojekts hohe praktische Implikationen aufweisen. So werden die Ergebnisse von praktischem Nutzen für die Entwicklung von Elterntrainingsprogrammen sein, da wissenschaftliche Trainingsprogramme für Eltern kaum vorzufinden sind. Darüber hinaus können die Ergebnisse auch in die Lehrkräftebildung einfließen - kommt doch der Bildungsinstitution Schule eine wichtige unterstützende und vermittelnde Rolle bei der Förderung familialer Bildungsprozesse zu. Für die Analyse und Förderung familialer Prozessbedingungen des Bildungserfolgs ist somit ein großer theoretischer und praktischer Ertrag des Promotionsprojekts zu erwarten.

Vorarbeiten, Publikationen und Vorträge

Berner, V.-D. (accepted). Analysis of familial process conditions in academic achievement. 13th JURE Conference (19.-23.7.2010), Frankfurt: Germany.

Dresel, M., Martschinke, S., Kopp, B., Kröner, S. & Berner, V.-D. (in Vorbereitung). Leistungsdisparitäten im Deutschunterricht der Grundschulklasse: Zur Rolle der Schulklasse und des Unterrichts für die Koppelung von Herkunft und Schulleistung. Unterrichtswissenschaft.

Dresel, M., Steuer, G. & Berner, V.-D. (2009). Zum Zusammenhang von Geschlecht, kultureller Herkunft und sozialer Herkunft mit Lernen und Leistung im Kontext von Schule und Unterricht. In J. Hagedorn, V. Schurt, C. Steber & W. Waburg (Hrsg.), Ethnizität, Geschlecht, Familie und Schule. Heterogenität als erziehungswissenschaftliche Herausforderung (S. 333-350). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.