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Kommt die Moral mit dem Essen oder währenddessen?


Jens_Soentgen
Dr. Jens Soentgen, Wissenschaftlicher Leiter am Wissenschaftszentrum Umwelt (WZU) der Universität Augsburg, erörtert den Zusammenhang von Essen und Moral und stellt fest, dass dieses Thema bereits die Steinzeitmenschen bewegte.



Die moderne Sorge um die Herkunft unseres Essens, die sich in der Nachfrage nach Naturkost und Biofleisch äußert, erscheint vielen Beobachtern als pures Luxusbedürfnis. 'Stammt die Milch von glücklichen Kühen?’ Viele finden das lächerlich. Schon Brecht schimpfte: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral.“ Es muss einem offenbar schon ganz schön gut gehen, damit man sich solche Sorgen machen kann. Aber sind Essen und Moral wirklich zu trennen? Wer Fleisch, Milch, Butter oder Käse essen will, nimmt in Kauf, dass dafür Tiere geschlachtet werden. Und eben dies belastet das Gewissen – so sehr, dass die Versicherung, es handele sich um Biofleisch, d.h. die Tiere hätten zumindest ein artgerechtes Leben geführt, hiervon Entlastung verspricht. Und genau darin spricht sich, wie der historische Vergleich zeigt, gerade kein Luxusbedürfnis aus. Man kann nachweisen, dass selbst die Steinzeitmenschen mit dem Essen von Fleisch immer schon erhebliche moralische Probleme hatten, mehr sogar als wir heutigen, und ungezählte Riten erfanden, um die Schuld, die damit verbunden ist, zu lindern. Die Rituale, die frühere Menschen erfanden, um ihre Schuld den getöteten Tieren gegenüber abzugelten, zeigen überdeutlich, dass unsere modernen Schuldgefühle keineswegs Produkte einer allzu sehr verfeinerten Zivilisation sind. Man kann versuchen, die Schuld des Essens zu bewältigen, indem man versucht, den getöteten Tieren zumindest zu einem artgerechten Leben vor dem Schlachthaus zu verhelfen. Aber welche Rituale wir auch immer erfinden mögen und welche Aufpreise wir auch immer zahlen: Die Moral kommt nicht irgendwann nach dem Essen, sondern währenddessen.