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Soll man Gras über eine Sache wachsen lassen?


Oliver_-Dimbath
Auf den ersten Blick klingt es vernünftig, wenn man Gras über eine Sache wachsen lässt. Soziologe Dr. Oliver Dimbath sieht dies jedoch nicht so.



Wenn man Gras über eine Sache wachsen lassen will, steht man vor einem grundlegenden Problem. Etwas soll vergessen werden. Dies versucht man, indem man etwas - in diesem Fall Gras - über etwas deckt, das sonst einem Betrachter sogleich auffallen und in ihm eine unerwünschte Erinnerung heraufbeschwören würde. Das Vergessen-Machen als sozialer Vorgang besteht somit darin, dass ein Akteur nicht vergisst - er pflegt den Rasen - und andere vergessen sollen. Es liegt im Interesse des einen, die Erinnerung anderer zu verhindern. Gelingt ihm dies nachhaltig, wird sich das Erinnerungsinteresse der anderen möglicherweise zurückentwickeln. Sie vergessen den Anspruch auf Anerkennung oder Entschädigung sowie den Wunsch nach Genugtuung oder Rache. Allerdings besteht immer die Gefahr, dass die Grasnarbe verletzt wird und 'die Sache' wieder zum Vorschein kommt. Und zweitens kann es vorkommen, dass irgendetwas anderes auf das 'Ding' unter dem Gras hinweist, indem es den Vorübergehenden stört oder verängstigt. Selbst wenn erfolgreich vergessen wurde, kann die Irritation durch ein solches 'Gespenst' so groß sein, dass Nachforschungen angestellt werden. Wirkungsvoller scheint es daher zu sein, schlimme Vergangenheiten aufzuarbeiten. Gras über die Sache wachsen zu lassen, ist eine eher riskante Strategie. Durch eine derartige Form von Vergangenheitskosmetik schafft man die Voraussetzung für Probleme in einer näheren oder ferneren Zukunft.