Das Bewusstsein in der Cloud

Was würde es bedeuten ohne unseren Körper zu existieren?

Filme und Serien thematisieren das „Mental-Uploading“, bei dem das Bewusstsein aus dem Körper zum Beispiel in einen anderen, in einen Roboter oder in eine virtuelle Realität über-tragen wird, um ewig leben zu können. „Wenn Sie sich auf ein solches Experiment einlassen, wären Sie danach noch derselbe Mensch?“, fragt der Philosoph Prof. Dr. Georg Gasser. Er befasst sich unter anderem da-mit, was es für uns bedeutet, einen Körper zu haben. Dabei sind für ihn die Ideen des Transhumanismus interessant. Dessen Vision ist es, dass wir die Einschränkungen und Anfälligkeit unseres Körpers durch moderne Technik und Naturwissenschaft überwinden können.

Bildunterschrift: Eine Vision des Mental-Uploadings ist es, das Bewusstsein vom eigenen Körper in eine virtuelle Realität oder ein anderes Medium zu transferieren. Aus philosophischer Sicht befasst sich Prof. Dr. Georg Gasser auch mit dieser Thematik. Colourbox

In seinen Überlegungen dazu kommt der Philosoph zu drei wesentlichen Erkenntnissen. Er erklärt, dass wir uns nach einem Transfer unseres Bewusstseins in ein anderes Medium wahrscheinlich nicht mehr als Mensch begreifen würden. Grund ist, dass der Körper unser Ankerpunkt in der Welt ist und uns mit dieser verbindet. Weiter argumentiert er: „Auf den ersten Blick scheint es gut zu sein, wenn wir körperliche Gebrechen, wie Krankheit oder sogar den Tod, überwinden können, doch hätte dies starke Auswirkungen auf unser gesellschaftliches Zusammenleben.“ Einen Körper zu haben, bedeute auch gebrechlich zu sein. So erfahren wir menschliche Verletzlichkeit anderer. „Dieser Aspekt spielt im menschlichen Miteinander eine wichtige Rolle, wird aber im Transhumanismus nicht genügend beachtet“, erklärt Gasser. Als dritte Erkenntnis und die Hilfsbedürftigkeit führt er das Argument an, dass der Transhumanismus sich zwar als sehr aufgeklärt und wissenschaftlich fundiert ansehe, aber in seinen Zukunfts-Visionen auch auf religiöse Weltbilder zurückgreife. „Es lassen sich durchaus Parallelen mit religiösen Vorstellungen ziehen. Eine Gemeinsamkeit wäre der Wunsch nach paradiesischen Zuständen“, erläutert der Philosoph. Aus der philosophischen Betrachtung heraus geht es also weniger darum, eine konkrete Antwort darauf zu finden, ob man sein Bewusstsein zum Beispiel in eine virtuelle Realität hochladen sollte, sondern darum, inwiefern man sich dann noch als derselbe Mensch begreifen könne.

Gasser fasziniert, dass sich Philosophen schon vor 2000 Jahren mit den großen Fragen des Menschseins auseinander-setzten. Diese sind auch heute – in unserer technisch hoch entwickelten Gesellschaft –genauso relevant. Somit ist die Philosophie gerade auch dann gefragt, wenn es darum geht, sich mit technischem Fort-schritt kritisch auseinander zu-setzen.

Autor: Benjamin Bernotat

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