„Ich bin niemand, der sich für Standards interessiert“

Sabine Doering-Manteuffel überzeugte den Freistaat Bayern und den Wissenschaftsrat, in den Aufbau einer medizinischen Fakultät zu investieren. Im Wintersemester 2019/20 begann der Lehrbetrieb. Wie ihr das gelang – berichtet die Präsidentin der Universität Augsburg im Gespräch mit DUZ Wissenschaft & Management.

 

Interview: Ingrid Weidner

 

Frau Professorin Doering-Manteuffel, die Universität Augsburg wurde vor 50 Jahren gegründet und baut gerade eine medizinische Fakultät auf. Reichen diese Pläne bis zu den Anfängen zurück?
Die Gründungsväter haben sich das zwar gewünscht, doch damals wurde abgewunken: zu teuer, zu groß, hieß es. Jeder Präsident hat eine Medizinfakultät gefordert. Und ich war glücklicherweise diejenige, die sie umsetzen konnte.

Wie gelang Ihnen, woran Ihre Vorgänger gescheitert sind?
Im Nachhinein wundert es mich immer noch, dass wir das geschafft haben (lacht). Im November 2012 hat der damalige bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer in einer Regierungserklärung angekündigt, dass in Augsburg eine medizinische Fakultät errichtet werden wird. Das kommunale Klinikum, das zu den zehn größten Krankenhäusern in Deutschland zählt, soll in ein Universitätsklinikum umgewandelt werden. Es war eine politische Entscheidung.

Hatten Sie damit einen Freifahrtschein?
Nein. Wir sind vom bayerischen Wissenschaftsministerium aufgefordert worden, einen Antrag an den Wissenschaftsrat zu formulieren. Das war der zentrale Punkt: Der Freistaat wollte ein Gutachten des Wissenschaftsrats haben und nicht einfach eine Medizinfakultät gründen, die später nicht akzeptiert wird oder der Fachleute fehlen. Das war auch für uns ein wichtiger Schritt. Wir haben von 2013 bis 2015 am Antrag gearbeitet, es war ein extrem aufwendiger Prozess. Anfangs hatten wir im Haus überhaupt keine medizinische Expertise. Wir hatten aber Leute im Stab, die bereit waren, sich in die Logiken anderer Disziplinen einzuarbeiten und weltweit zu recherchieren.

Welche Schwerpunkte haben Sie gesetzt?
Wir haben versucht, die gesamte Universität mitzunehmen, indem wir uns am Profil und unserer inhaltlichen Ausrichtung orientiert und Themen gewählt haben, die bereits verankert waren. In den Umweltwissenschaften und Informatik sind wir sehr stark und wussten, dass wir damit zwei große Themen bedienen können. Außerdem wollten wir Netzwerke gründen, das war sowieso schon Teil unseres Programms. Wir haben uns für einen umweltmedizinischen Schwerpunkt entschieden. Klimawandel und Gesundheit, Klimawandel und Patientenversorgung sind wichtige Themen, die in der medizinischen Forschung noch wenig behandelt werden, etwa Auswirkungen von Klima auf Schlaganfall, Herzerkrankungen oder auf die Lunge. Das ist anfangs belächelt worden, weil alle Fachleute sagten: „Ach Umweltmedizin, was ist das denn für ein Thema, das liegt nicht im Kernbereich der medizinischen Forschung.“

Sie haben sich aber nicht beirren lassen.
Ein Kollege aus München hat zu mir gesagt: „Ihr schafft das nicht, ihr seid zu klein.“ Und ich habe mir gedacht: Warten wir mal ab, wir schaffen das. Es waren sehr, sehr aufwendige Zeiten. Wir hatten in diesem Konferenzsaal wöchentliche Gremiensitzungen mit bis zu 50 Leuten aus unterschiedlichen Kontexten. Wir haben mehrere Arbeitsgruppen gebildet, etwa für Infrastruktur oder Forschung, und uns Leute von außen geholt. Expertise ist entscheidend, aber auch, die Universität mitzunehmen. Sie können nicht gegen Wissenschaftler entscheiden.

Mit welchen Ideen wollten Sie den Wissenschaftsrat überzeugen?
Wir haben einen Modellstudiengang Medizin konzipiert, der weniger auf Hierarchien achtet und das Studium von Anfang an an den Patienten ausrichtet. Universitäten mit einer langen medizinischen Tradition forschen häufig zur klassischen Medizin. Wir dachten, wir gehen den Netzwerkweg, der ist aussichtsreicher, aber auch riskanter. Wir wussten nicht, was der Wissenschaftsrat darüber denkt und ob dessen Fachausschuss die Idee für innovativ halten würde. Wir haben die Vernetzung von Beginn an gesucht und unsere Naturwissenschaftler, Informatiker und Sozialwissenschaftler eng eingebunden. Wir haben schon sehr früh ein Zentrum für Interdisziplinäre Gesundheitsforschung (ZIG) an der Universität gegründet, das als Netzwerk in die Medizinfakultät hineinwirkt. Viele Disziplinen, wie Musiktherapie, Sportwissenschaft, Medizinprodukterecht, pflegen enge Kontakte. Medizininformatik gab es zwar schon an anderen Universitäten, doch unsere Informatiker haben eine enge Verbindung unter anderem zur Automobil- und Flugzeugindustrie und sind auf sicherheitskritische Systeme spezialisiert. Solche Forschungen lassen sich auch auf den OP-Saal übertragen. Jetzt haben wir aus dem bayerischen KI-Wettbewerb eine zusätzliche Professur für OP-Robotik erhalten, ein noch weitgehend neues Forschungsfeld in Deutschland.

Wie reagierte der Wissenschaftsrat auf das Konzept?
Die Begehung durch den Wissenschaftsrat fand im Februar 2016 statt. Mein Eindruck war, dass der Fachausschuss nicht unzufrieden war. Wenn man jemandem nichts zutraut und dann merkt, die haben das aber doch ganz gut hingekriegt (lacht), ist man ganz erstaunt. Im Gremium waren viele Naturwissenschaftler, die unser Engagement anerkannt haben. Auch der Umweltschwerpunkt hatte sich innerhalb der drei Jahre von der Idee bis zum fertigen Konzept gewandelt, die Klimadebatte hatte begonnen und gab unserem Konzept ein anderes Standing. 2012, als wir anfingen, war das noch nicht so. Im Juli 2016 ging der Antrag einstimmig durch den Wissenschaftsrat.

Wie haben Sie reagiert?
Damit war klar: Uns kann keiner mehr bremsen. Einstimmig heißt: Das ist ein gutes Konzept. Wichtig war aber die Zusage des Freistaats für die dauerhafte Finanzierung. Bisher läuft der Aufbau planmäßig, es gibt nur leichte Verzögerungen wegen Corona. Wir haben Prof. Dr. Martina Kadmon als Gründungsdekanin gefunden, eine Chirurgin, die 2017 sofort mit dem Laptop auf den Knien angefangen hat. Wir berufen alle paar Wochen neue Leute, mehr als 100 Professuren sind geplant. Gerade gab es den Spatenstich für die ersten zwei Gebäude, weitere sind geplant. Der Lehrbetrieb begann mit 87 Studierenden im Wintersemester 2019/20, geplant sind 1500 Studienplätze.

Wie verändert eine medizinische Fakultät die Universität?
Es ist ein sehr großer Schritt für uns. Das war mir vorher nicht so klar, denn die medizinführenden Universitäten spielen in einer anderen Liga. Es ist ein zentrales und wichtiges Fach, mit einer weltweiten Vernetzung und Internationalisierung, es zieht viele Studierende an.

Konkurrieren Sie jetzt mit München?
Ich kenne die Kollegen der Münchner Universitäten gut und wir sprechen natürlich miteinander. Sie haben teilweise mehr als 45 000 Studierende, sie sind auch Exzellenzuniversität, sie sehen sich in einer anderen Position. Aber ich bin seit vielen Jahren Vorsitzende der bayerischen Universitätenkonferenz und durch dieses Amt sehr eng mit den Kollegen verbunden. Wie das so ist, an einem Punkt haben wir gegenläufige, dann aber auch wieder gemeinsame politische Interessen.

Müssen Sie um Studierende werben?
Wir haben genug Studierende, wir sind die am zweitschnellsten wachsende Universität in Bayern. München ist ein teures Pflaster für Studierende, das ist einer der Effekte, warum sie sich nach außen orientieren und sich für kleinere Universitäten entscheiden. Als eine der vier neu gegründeten Universitäten (mit Passau, Bamberg, Bayreuth) haben wir eine dynamische Entwicklung durchlaufen und mit der Medizinfakultät verstärkt sich das weiter.

Dynamisch ist auch Ihr Karriereweg. Sie waren eine erfolgreiche Wissenschaftlerin und Sachbuchautorin. Weshalb haben Sie sich 2011 um das Präsidentenamt beworben?
Mein Vorgänger starb 2010 im Amt vor dem Ende seiner dritten Amtszeit. Es entstand ein Vakuum an der Universität. Die erfahrenen Leute waren zu alt, um noch ins Amt zu gehen, und von den Jüngeren haben wenige überhaupt Interesse gezeigt. Ich hatte schon lange mit einem hochschulpolitischen Amt geliebäugelt, mir war aber in den Jahren zuvor klar, dass meine Zeit noch nicht gekommen war.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Hut trotzdem in den Ring zu werfen?
Meine Generation, ich bin 1957 geboren, wurde einmal die Generation der Zaungäste genannt. Der Autor wirft ihr in seinem Buch (Reinhard Mohr: Zaungäste: die Generation, die nach der Revolte kam. Frankfurt/Main, 1992) vor, dass sie sich nicht politisch engagiert. Aber mir war klar, das geht nicht. Wenn uns etwas stört, müssen wir bereit sein, politische Verantwortung zu übernehmen. Mein Anstoß war die Bologna-Reform, über deren Verlauf ich nicht glücklich war. Und ich dachte mir dann: „So, das machst du jetzt. Du probierst das. Und wenn es nichts wird, gehst du auf deinen Lehrstuhl zurück und dann war’s das.“

In Bayern gehen die Uhren immer noch etwas anders. War im Jahr 2011 die Bewerbung einer Frau für das Präsidentenamt noch ungewöhnlich?
Die haben mich gar nicht ernst genommen, um es mal direkt zu sagen. Ich dachte mir aber damals: Das ist jetzt keine Frage, ob ich das schaffe oder nicht, sondern wichtig ist, was für ein Anliegen ich habe. Und ich habe Positionen vertreten, die einem Teil des Gremiums einleuchteten. Das hatten viele unterschätzt, beispielsweise, dass das Staatsexamen nicht überall abgeschafft werden soll, und auch das dynamische Potenzial des Netzwerkgedankens. Außerdem war ich nicht für die Idee zu haben, unsere Universität stärker in Richtung eines Wirtschaftsunternehmens zu wandeln.

Woher nahmen Sie das Selbstbewusstsein, sich um den Job zu bewerben?
Ich bin auf einer Staatsdomäne im Rheinland aufgewachsen, die der Universität Bonn zugeordnet war. Mein Vater leitete mehrere agrarwissenschaftliche Versuchsgüter. Ich bin in einer sehr rauen Umgebung groß geworden, auf einem Hof, der sehr weit draußen im Feld lag, da geht es handfest zu. Ich habe als Kind viel Wissenschaft erlebt, aber auch diesen landwirtschaftlichen Betrieb und die pragmatischen Entscheidungen, die notwendig sind. Wir hatten eine umfangreiche Viehhaltung, große Flächen zu bewirtschaften, und zugleich eine enge Verbindung zur Universität. Ich habe als Kind viele Studenten kennengelernt, die bei uns wohnten und auf dem Hof ein Praktikum machten. Neben der Organisation des Hofs betrieb mein Vater auch Versuchsfelder mit verschiedenen Zeitreihen: Was schafft man in einem Jahr, was in fünf und was in 25 Jahren? Dieses Modell der drei Schritte hat mich immer geleitet: Was kann ich in einem Jahr schaffen, was in fünf und für was brauche ich einen langen Atem?

Welchen Traumberuf hatten Sie als Kind?
Mich hat interessiert, wie Leute am Rand der Welt leben. Das ist zwar eine absurde Frage, aber als Kind kann man sich fragen, wie Menschen am Nordpol oder am Äquator leben. Mein Vater hatte mir einen Atlas geschenkt, den er auf dem Dachboden gefunden hatte. Darin gab es ein Bild von Grönland, das mich extrem fasziniert hat. Dort stand: „Grönland ist noch nicht entdeckt.“ Ich habe das unterstrichen und zwei Ausrufezeichen an den Rand geschrieben (lacht), da war ich vielleicht zehn Jahre alt. Ich dachte mir: „Das muss jemand machen!“ (lacht). Ich habe den Atlas noch, er stammte aus dem Jahr 1880, das war mir damals natürlich nicht klar. Naja, so weit hat es nicht gereicht, aber ich habe eine experimentelle und abenteuerliche Neigung, mich in riskantere Forschungsfelder zu begeben. Studiert habe ich Außereuropäische Völkerkunde in Köln. Ich habe mich immer für Randerscheinungen interessiert.

Wie waren die Reaktionen, als Sie gewählt wurden?
(Lacht) Das Staunen war groß. Es war ein Überraschungseffekt, das gab es an einer bayerischen Universität nicht, es war eine Art Betriebsunfall. Ich bin immer noch die einzige Präsidentin einer bayerischen Landesuniversität. Ich kam nicht nur mit einer anderen Perspektive, sondern auch vom falschen Fach. Universitätspräsidenten sind Naturwissenschaftler, Juristen, Informatiker. Es gibt auch Geisteswissenschaftler, aber es war eigentlich nicht üblich. Und dann kam die Medizin und es war klar: So, das ist eine Herausforderung und die macht mir Freude.

Warben Sie um die Gunst der Beschäftigten?
Ich hatte keine Zeit dafür, Sie müssen ein paar Leuten die Nase weiter rümpfen lassen (lacht), denn sie können nicht alle mitnehmen. Wichtig war für mich, dass klar ist: Ich entwickele die Universität mit unseren Interessen und nicht dagegen. Das war entscheidend. Außerdem verändert sich eine Universität in zehn Jahren sehr. Es gibt einen Generationenwechsel, es kommen andere und die wissen dann nicht mehr, wie es früher war.

Wie haben Sie sich auf Ihre Arbeit vorbereitet?
Wissenschaftler neigen zu einer gewissen Spontanität. Wenn ich mich vorher in Hochschulrecht und Verwaltungsstrukturen eingearbeitet hätte, wäre sicher einiges einfacher gewesen. Die Sprache des Managements liegt mir nicht, ich muss nicht alles in Englisch ausdrücken (lacht). Nein, ich habe keine Kurse besucht. Ich wollte nicht meine Spontanität verlieren und das passiert, wenn man sich zu stark an Führungsstandards orientiert. Ich bin niemand, der sich für Standards interessiert. Ich interessiere mich für die Dinge am Rand und auch für gewisse Risiken. Wenn sie Risiken eingehen, müssen sie auch wissen, dass sie scheitern können. Es kann passieren, dass sie aus der Kurve fliegen. Das darf man nicht als demotivierend erleben, da muss man sagen, okay das ging nicht, dann mache ich jetzt was anderes.

Wie schaffen Sie Ihr Arbeitspensum?
Das ist kein großes Geheimnis. Sie dürfen sich nicht übernehmen und nur eine bestimmte Anzahl an Stunden am Tag arbeiten. Fangen Sie früh an, so ab 7 Uhr bin ich einsetzbar. Aber um 7 Uhr abends reicht es mir. Ein extrem geregelter und strukturierter Tagesablauf hilft mir. Wichtig ist, sich nicht zu viel vorzunehmen. Ich telefoniere nicht bis Mitternacht. Das Denken im 1 – 5 – 25-Jahresrhythmus hilft mir. Es bringt nichts, sich in einer Amtszeit auszupowern und hinterher zu sagen: Mir ist alles egal, ich weiß nicht mehr, wie es weitergeht.

Was möchten Sie in Ihrer dritten Amtszeit noch erreichen?
Wir hatten im vergangenen Jahr ein internationales Expertengremium im Haus, das sich unser Leopold-Mozart-Zentrum ansehen sollte. Es hat uns empfohlen, daraus eine eigene Fakultät zu machen. Und jetzt können Sie sich schon vorstellen, was mir noch vorschwebt (lacht), nämlich im Rahmen meiner letzten Amtszeit aus dem Leopold-Mozart-Zentrum eine Fakultät für Musik und Musikwissenschaft zu machen. //

[Quellenangabe:] Der Beitrag ist erschienen in DUZ Wissenschaft & Management, Ausgabe 09/2020 am 6. November 2020.

 

www.duz.de/beitrag/!/id/922/ich-bin-niemand-der-sich-fuer-standards-interessiert

 

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