Ist Justitia blind?

An der Universität Augsburg wird an einer großen Vielfalt an Themen geforscht. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Arnd Koch, Dekan der Juristischen Fakultät sowie Inhaber des Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Risiko- und Präventionsstrafrecht sowie Juristische Zeitgeschichte, über die Figur der Justitia.

© Universität Augsburg

Herr Koch, vor Gerichten, auf Karikaturen etc. sieht man oft eine weibliche Figur mit Augenbinde, die Justitia. Wer ist sie und warum trägt sie eine Augenbinde. Ist sie blind?

Im europäischen Kulturraum erscheint Justitia seit der frühen Neuzeit als Göttin und Symbol der Gerechtigkeit und damit für unsere Justiz. Die Bilder und Statuen hat jeder vor Augen: Eine respekteinflößende und/oder anmutige weibliche Figur mit Waage, Schwert und Augenbinde. Letztere zeigt übrigens nicht an, dass Justitia blind ist – auch wenn das oft so gesagt oder verstanden wird: Die Augenbinde symbolisiert ihre Unvoreingenommenheit und damit die Gleichheit jedes einzelnen vor dem Gesetz. Gerichte entscheiden ohne Ansehen der Person, d.h. unparteiisch und unbeeindruckt von der Macht oder dem gesellschaftlichen Status einer Prozesspartei.

Tatsächlich ist die vermeintliche Blindheit bzw. die Unvoreingenommenheit nur ein, wenn auch wichtiger, Teilaspekt der Gerechtigkeit: Richterinnen und Richter sorgen idealerweise auch dafür, dass die Wahrheit ermittelt und Gerechtigkeit hergestellt wird. Hintergründe und Folgen eines Urteils lassen sich nur mit weit geöffneten Augen erkennen. Denken Sie etwa an das Familienrecht, wenn die Entscheidung über die elterliche Sorge dem „Kindeswohl“ dienen muss. Oder im Strafprozess, wenn über die Art und Dauer der Sanktion entschieden wird.

Gleichheit vor dem Gesetz, Unparteilichkeit – wie kommen diese Aspekte in Lehre und Forschung an der Juristischen Fakultät vor?

Beide Aspekte bilden einen zentralen Kern der juristischen Ausbildung. Recht ist nach dem schönen Wort des Rechtsphilosophen Gustav Radbruch der Wille zur Gerechtigkeit. Entgegen einem unausrottbaren Klischee geht es im Jurastudium eben nicht darum, Paragraphen und Lehrmeinungen auswendig zu lernen. Es geht vielmehr darum, Zusammenhänge zu begreifen, den Sinn und Zweck gesetzlicher Regelungen zu erfassen und ggf. Reformmöglichkeiten herauszuarbeiten.

Wie lernt man als Studierender, unparteiisch zu sein, sich vom Gesetz leiten zu lassen?

Unparteiisch zu sein, eine neutrale Rolle einzunehmen und das Gesetz unvoreingenommen auszulegen – das lernen die Studierenden in Diskussionen und Klausuren ab dem ersten Semester. Sie merken recht schnell, dass es bei den anzufertigenden Fall-Lösungen nicht auf die persönliche Überzeugung ankommt. Es geht um die Anfertigung von Rechtsgutachten, die – wie später Gerichtsurteile – in einem neutralen Stil verfasst werden, bei denen Wendungen wie „ich meine“ etc. verpönt sind.

Das Interview führte Teresa Grunwald.

 

Wussten Sie, dass....

Das Leitbild der Juristen-Ausbildung ist nach wie vor das Richteramts – obwohl viele Studierende gar nicht dieses Ziel anstreben. Nach dem Ersten und Zweiten Staatsexamen gehen die meisten Absolventinnen und Absolventen in die Anwaltschaft, andere starten in Unternehmen bzw. Verbänden. Derzeit gibt es in Deutschland „lediglich“ 20.000 Richter und Richterinnen, während rund 170.000 Anwältinnen und Anwälte zugelassen sind.

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Ordinarius
Prof. Dr. Arnd Koch - Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht, Risiko- und Präventionsstrafrecht sowie Juristische Zeitgeschichte

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