Studieren vor 50 Jahren

Betreten die Studierenden normalerweise den Campus oder Hörsaal, so machen sie sich wohl kaum Gedanken darüber, wie die Universität und das Studentenleben vor 50 Jahren ausgesehen haben mögen. Dabei gibt es Themen, die heute noch so aktuell sind wie damals oder einen zum Schmunzeln bringen – schließlich hat sich die Universität im Laufe der Zeit stark verändert. Als Student der ersten Stunde gibt uns Günter Hartmann ganz besondere Einblicke in den Universitätsalltag der ersten vier Jahre der 1970 gegründeten Universität Augsburg.

Warum die Universität Augsburg?

Die Frage, wohin es nach dem Schulabschluss gehen soll, beschäftigt seit jeher die Studieninteressenten. Heute ist es wohl eher die Aufgabe der Universität, die Studierenden von sich zu überzeugen. Günter Hartmann erzählt, dass seine Wahl damals sowohl fachlich als auch emotional begründet war: Besonders hatte ihn der Reformansatz der Universität Augsburg gereizt. Dazu zog es ihn als vorigen Internatsschüler wieder zurück in seine Heimat, denn Augsburg sei „ eine lebens- und damit liebenswerte Stadt“.

Der heutige Förderer der Universität Augsburg und damalige Student: Günter Hartmann. © Günter Hartmann
Die provisorische Teilbibliothek Wirtschafts- und Sozialwissenschaften in der Memminger Straße (Gebäude C 3). © Petra Eisinger /Architekturmuseum der TUM

Der Studienalltag

Abgesehen davon unterschied sich das weitere Universitätsleben des damaligen Ökonomiestudenten an der noch jungen Uni grundlegend von dem heutigen Studienalltag: Das in Trimester gegliederte Studienjahr wurde durch ein von Kleingruppen geprägtes Lehrkonzept bestimmt. Das Ganze habe sich dann in einer „verschulten Art“ geäußert, so Hartmann: „Man war persönlich stärker gefordert. Fehlte man in einer Seminarsitzung, so wurde man beim nächsten Mal gefragt, warum man denn geschwänzt hätte“.

Solche Fragen mag heute wohl kaum ein Dozent stellen. Zugleich bestimmten die Dozenten stärker als heute die Lehrinhalte. Die verschulte Art des Studiums wurde in der Wissensvermittlung sichtbar: „Die Bibliothek befand sich damals ja noch

im Aufbau, sodass wir Studenten überwiegend auf die von den Dozenten verfassten Skripte zurückgreifen mussten. Das wissenschaftliche Arbeiten, wie es heute verstanden und praktiziert wird, war einfach nicht möglich“, berichtet der ehemalige Student.
 

Wie war die Studienzeit jenseits der Vorlesungen und Seminare?

Im Umkehrschluss bedeutete das ein engeres Verhältnis der Studierenden zum Professor – mit ganz eigenen Vorteilen. Neben einer Schwimmbad-Party des Marketing-Lehrstuhls spielten Studierende und Lehrende gemeinsam Dart oder gingen zusammen Ski-fahren. Öffentliche Veranstaltungen auf einem Campus, wie beispielsweise die CampusKunst heute, hatte es vor 50 Jahren aber noch nicht gegeben. Los gegangen mit dem Campusleben sei es erst nach zwei bis drei Jahren, als mit der pädagogischen Hochschule und der juristischen Fakultät schließlich mehr Studierende an den Campus gekommen seien. Lange gab es auch keinen eigentlichen Campus, wurde in Interimsgebäuden gelehrt und geforscht. Erst im Herbst 1977 war das erste Gebäude (D) vollendet.

Auch jenseits der Uni und des Campus war das Studentenleben vor 50 Jahren ebenfalls anders als heute. Günter Hartmann erzählt, dass mit der Gründung der Universität das Studentenleben überhaupt erstmal aufgebaut werden musste. „Zu Beginn meines Studiums gab es kaum Kneipen, die als Treffpunkt speziell für Studierende hervortraten. Sie mussten also erst noch aufgebaut werden, wobei wir Studierenden natürlich tatkräftig mitgeholfen haben. Zum Beispiel das Yesterday.“

Spielt die Zeit an der Universität Augsburg auch noch nach 50 Jahren eine Rolle?

Verbunden ist Günter Hartmann 50 Jahre später immer noch mit der Universität Augsburg. Als Förderer des Deutschland-Stipendiums setzt er sich für die finanzielle Unterstützung von Studierenden ein. Zufrieden blickt er auf seine Studienzeit zurück. Das vorgefertigte Studienkonzept der jungen Reformuniversität hatte es ihm ermöglicht, Einblicke in verschiedene Fachbereiche zu erlangen. Dies sei „eine große Hilfe für das spätere Berufsleben gewesen“. Zugleich möchte Günter Hartmann aber nicht die alten Zeiten verklären, denn die Universität habe sich enorm weiterentwickelt: „Heute haben die Studierenden ganz neue Möglichkeiten, ihre Horizonte zu erweitern und wissenschaftlich zu arbeiten.“

Die Reformuniversität Augsburg

Unter dem damaligen Gründungspräsidenten der Universität Augsburg, Louis Perridon, wurde die UA zu einer Reformuniversität. Er erachtete das Humboldts’sche Bildungsideal nicht mehr als zeitgemäß und setzte sich deshalb für eine berufsbezogene Ausbildung ein. Die von ihm erarbeiteten Reformelemente bezogen sich beispielsweise auf

  • das Kleingruppenkonzept und die Anwendung der empirischen Hochschuldidaktik, was die Erarbeitung des Stoffes durch die Studierenden im engen Kontakt mit den Dozierenden unter Anwendung neuester didaktischer Methoden umfassen sollte
Die Grundsteinlegung des heutigen Gebäudes D im Jahr 1974 der 1970 unter Louis Perridon gegründeten Reformuniveristät. © Universität Augsburg
  • sowie die Anwendung der betriebswirtschaftlichen Organisationslehre zur Effizienzsteigerung, die die Trennung von Forschungs- und Lehrbereich und die Einführung des Präsidialsystems forcierte.

Teile des Reformkonzept Perridons, wie beispielsweise das Kleingruppenkonzept, mussten unter anderem aufgrund der hohen (Personal-)Kosten aufgegeben werden. Andere Elemente, wie zum Beispiel das Kontaktstudium, werden hingegen auch heute noch weitergeführt. 

Suche