„Warum beten (manche) Fußballspieler“?

An der Universität Augsburg wird an einer großen Vielfalt an Themen geforscht. Wir sprechen mit Dr. Andreas Matena, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie, über das Thema „Warum beten (manche) Fußballspieler“?

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Herr Matena, wieso stellen Sie sich diese Frage?

Wenn ich als Trainer meine Kinder beim Fußballspielen beobachte, bemerke ich, wie sie ihre großen Vorbilder Thomas Müller, Cristiano Ronaldo oder Lionel Messi nachahmen. Auch beim Torjubel. Und da sehe ich nicht selten, wie sie nach einem Tor die Arme zum Himmel strecken, die Zeigefinger beider Hände ausgestreckt. Vorbild Messi. Beim Gebet. Überhaupt gibt es kaum noch eine TV-Übertragung, bei der man nicht Gebetsgesten in allen (auch den typisch muslimischen) Formen sieht sowie religiöse Botschaften auf Stoff und Haut.

 

Warum beten Profis und Laien vor, während und nach dem Spiel?

Die einfachste und vielleicht naheliegendste Antwort wäre: Um den Sieg. Der Gott, zu dem Fußballer beten würden, wäre damit der „Fußballgott“, an dem keiner vorbeikommt. Das wäre dann auch der Gott, an dem manche Mannschaften verzweifeln, etwa Liverpool im Championsleague-Finale 2018 oder Schalke 2001, als sie nach 43 Jahren nur vier Minuten lang Deutscher Meister war. Beteten Spieler zu diesem Fußballgott, müsste man sich fragen, ob dann nicht am Ende die Mannschaft gewinnt, die am meisten oder am besten betet, die den besten Draht nach oben hat. Dann müsste man statt Konditions-, Technik- und Taktikeinheiten beim Training doch ganz etwas anderes trainieren lassen; Spieler würden nicht mehr nach ihren Fähigkeiten am Ball ausgesucht, sondern nach der Intensität ihres Glaubens. Würde man das zu Ende denken, wäre dieser „Fußballgott“ doch in einer recht schwierigen Lage. Der ehemalige BVB-Profi Sebastian Kehl meinte einmal, wenn er um Gottes Parteilichkeit bitten würde, dann täte das jemand von der anderen Seite auch – „und für wen soll Gott sich dann entscheiden?“

 

Der jetzige Trainer des FC Liverpool, Jürgen Klopp, sage: „Es gibt zwar keinen Fußball-Gott, aber ich glaube, dass es einen Gott gibt, der uns Menschen liebt, genauso, wie wir sind, mit all unseren Macken. Und deswegen glaube ich auch, dass er auch den Fußball liebt! Nur: Die Kiste treffen müssen wir schon selber!“…

Was würden wir bevorzugen, einen Fußballer, der seine Leistung bringt aufgrund harten und ehrlichen Trainings, oder einen, der sie aufgrund von Beten erbringt – also eigentlich gar nicht selbst, sondern sie von Gott erbringen lässt? Für gläubige Menschen ist das Gebet kein magisches Instrument, um Gott zu beeinflussen; in einem solchen Fall müsste Gott dem Menschen die Freiheit nehmen. Wenn ich auf dem Platz verliere, dann ist es in der Regel meine eigenen Schuld bzw. die meiner Mannschaft. Wenn Gott mich da nun durch eine Wundertat nach einem Gebet rausholte: Was würde das für mich wie für den Rest der Welt bedeuten? Erhörte Gebete haben schließlich Konsequenzen für mich wie für andere Menschen, ein Sieg für meine Mannschaft bedeutet eine Niederlage für die andere, meine Freude über den Sieg bedeutet die Traurigkeit des Anderen. Außerdem: Warum sollte Gott etwas tun, von dem er und ich genau wissen, dass es in meiner Macht liegt, dieses Ziel zu erreichen? Gläubige sehen ihr Gebet daher auch nicht als magisches Instrument an. Es ist für sie ihre Antwort an einen Gott, der zuerst für sie da gewesen ist. Im Gebet richten sie ihre Gedanken auf das, was eigentlich wichtig ist. Und Fußball bleibt eben doch (nur) die schönste Nebensache der Welt.

 

Wie ordnet sich diese Frage in den größeren Kontext der Katholisch-Theologischen Fakultät und Ihre Forschung ein?

Beten klingt zwar nach einem nur frommen Thema, aber es berührt wichtige Bereiche des Menschlichen: Sind wir Menschen freie Wesen oder werden wir von einer höheren Macht im Puppenkistenstil gelenkt? Geht es dabei um ein ominöses Schicksal oder um jemanden, dem wir wichtig sind? Wovon leben wir letzten Endes und was ist für ein gelingendes Leben wirklich wichtig? Die Frage nach dem Beten gehört zum Versuch, zum Grund des Menschlichen vorzustoßen – und dieses Versuchen ist nie einfach fertig. Das sehe ich auch als eigentliche Aufgabe der Theologie an, Menschen zu ermutigen, sich diese nicht einfache Frage nach dem Grund des Menschlichen zu stellen.

Zitate

Als gläubiger Christ bete er vor jedem Spiel, aber nicht um den Sieg, sondern dass sich kein Spieler verletzt und alle gesund den Platz verlassen. Auch die vom Gegner.

Iago Amaral Borduchi aus Brasilien (FC Augsburg)

Es gibt keinen Fußball-Gott, sondern nur den einen Gott im Himmel, und der weiß genau, was er macht.

Gerald Asamoah (FC Schalke 04)

Ich spiele Fußball, um anderen Kindern, die eine ähnliche Kindheit hätten, helfen zu können – vielleicht bittet er Gott um Hilfe, damit er anderen helfen kann?!

Taribo West aus Nigera (Auxerre, Inter Mailand) hatte eine schlimme, kriminelle Kindheit hinter sich

Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott, weil er nicht gerecht ist.

Rudi Assauer (Manager FC Schalke 04 ) auf einer Pressekonferenz

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