Pilgern im Wandel der Zeit
Sammelband beleuchtet religiöses Phänomen interdisziplinär
Ein neuer Sammelband zum Pilgern und Wallfahren vereint unterschiedliche theologische und weitere Perspektiven, z. B. aus der Geographie, der Didaktik und der Praxis. „Unterwegs bei sich sein. Transformationen des Pilgerns“ lautet der Titel. Das Buch ist hervorgegangen aus einem Forschungsprojekt der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. Uniweit haben sich elf Professoren an dem Projekt beteiligt, fünf weitere Beitragende runden den interdisziplinären Austausch ab. Vielleicht lässt sich über das Thema Wallfahrt und Pilgerschaft im Deutschen besonders gut nachdenken. Denn nur wenige Sprachen trennen die beiden Begriffe. Die deutsche Sprache aber differenziert: Bei „Wallfahrt“ steht nicht der Weg, sondern das örtliche und spirituelle Ziel im Vordergrund. „Pilgerschaft“ hingegen betont eher das Subjekt der Wallfahrt im Prozess des Unterwegs-Seins. Soeben ist ein neuer interdisziplinärer Sammelband zu beiden Phänomenen erschienen. Darin kommen verschiedene theologische und darüber hinausgehende Perspektiven zu Wort. Herausgegeben wurde der Band „Unterwegs bei sich sein“ von den Theologen Prof. Dr. Erasmus Gaß, Prof. Dr. Thomas Marschler und Prof. Dr. Matthias Simperl. Alle drei forschen an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg in den Bereichen Alttestamentliche Wissenschaft, Dogmatik und Alte Kirchengeschichte. „Der Sammelband leistet einen doppelt interdisziplinären Zugang“, erklärt Mitherausgeber Gaß. „Er versammelt zum einen unterschiedliche Blickwinkel aus den Fachwissenschaften der Theologie. Zum anderen findet darin ein interdisziplinärer Austausch statt, zum Beispiel mit anderen Geisteswissenschaften.“ Die Beiträge werfen exemplarische Schlaglichter auf das Pilgern und Wallfahren – gegliedert entlang theologischer Teildisziplinen mit biblischen, historischen, systematischen und praktischen Zugängen. Ergänzt werden diese durch weitere Perspektiven aus Wissenschaft und Praxis. „Die inhaltliche Spannbreite der Beiträge ist groß“, sagt Co-Herausgeber Marschler. Zum Beispiel untersuchen zwei Autoren, wie unterschiedliche Orte im Lauf der Zeit mit bestimmten biblischen Gestalten in Verbindung gebracht wurden, etwa mit Simson oder Micha – und dadurch zu Pilgerorten wurden. Die Geschichte beliebter Pilgerwege und -anlässe wie Jakobsweg und Feier des Heiligen Jahres in Rom sind ebenso Thema wie die Nahwallfahrten im bayerischen Barock. Die Autorin und die Autoren zeigen auf, wie sich das Pilgern im Lauf der Zeit wandelte, durch unterschiedliche Diskurse aufgenommen wurde und sogar für Kontroversen sorgte, beispielsweise wenn die Kirche im Barock Wallfahrten einschränken wollte. Auch heutzutage regt das Pilgern konkrete, praktische, teils auch profane Überlegungen an, zeigt der Band: In welchem Verhältnis steht das Pilgern zu Kommerzialisierung und Tourismus? Mit welchen Herausforderungen sieht sich das Wallfahrtswesen konfrontiert – in einer zunehmend digitalisierten, globalisierten und teils auch glaubensfernen Welt? Wie lassen sich Pilgern und Wallfahren in die und mit der Schule didaktisch einbringen? Was erlebt einer, der jetzt pilgert? Dass sich das Pilgern auch konkret in einer Stadt und ihrer Umgebung niederschlägt, zeigt ein raumwissenschaftlicher Beitrag am Beispiel der Diözese Augsburg. „Und natürlich geht es in dem Band auch um das Pilgern als Sinnbild des religiösen bzw. spirituellen Lebenswegs, der individuell wie auch gemeinsam beschritten werden kann – und der einen niederschwelligen Zugang zum Religiösen bieten kann“, erklärt Marschler. Der Sammelband entstand aus einem gemeinsamen Forschungsprojekt der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Augsburg. „Angesicht der hohen Differenziertheit der einzelnen theologischen Disziplinen und der Vielzahl an Perspektiven, die sich daraus ergeben, ist es aus unserer Sicht ein Glücksfall, dass sich eine ganze Fakultät zu diesem gemeinsamen Forschungsprojekt entschlossen hat“, sagt Mitherausgeber Simperl. „Bei einer ersten Sondierung hatten wir schnell den Eindruck, dass es sich um ein sehr ergiebiges Thema handelt“, erklärt Simperl. Bisher lagen fast ausschließlich Studien zu Einzelaspekten vor. „Diese kamen jedoch kaum miteinander ins Gespräch.“ Anders beim Forschungsprojekt an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Augsburg, das der ehemalige Dekan, Prof. Dr. Dr. Jörg Ernesti, angestoßen hat. In den vergangenen Jahren wurde dort das Thema Pilgern und Wallfahrt in verschiedenen, teils interdisziplinären Formaten bearbeitet: bei einem internen sowie einem externen Studientag und in einer öffentlichen Ringvorlesung. Die meisten Beiträge aus diesen Veranstaltungen sind im Sammelband veröffentlicht. cg Erasmus Gaß, Thomas Marschler, Matthias Simperl (Hg.): Unterwegs bei sich sein – Transformationen des Pilgerns, LIT Verlag, Münster, 2025, Reihe „Theologie des geistlichen Lebens“, Bd. 13, broschiert, 320 Seiten, ISBN 978-3-643-15699-0. 29,90 Euro.
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