Abwasser als Rohstoffquelle
Kritische Metalle und Seltene Erden aus Industrieabwässern recyceln
Wichtige Industrie-Stoffe aus Industrieabwässern und Thermalquellen zurückgewinnen – das ist Ziel des neuen Forschungsprojekts LiquidMining unter Leitung von Prof. Dr. Daniel Vollprecht, Professor für Resource and Chemical Engineering an der Universität Augsburg, und seiner Doktorandin Lisa-Marie Hess. Gemeinsam mit Partnern aus Wissenschaft und Industrie wollen die Forschenden bislang ungenutzte Rohstoffpotenziale aus wässrigen Strömen erschließen – und damit einen Beitrag zur Ressourcensicherheit und Kreislaufwirtschaft leisten. Industrielle Abwässer werden in Deutschland in erster Linie aus Gründen des Umweltschutzes behandelt. Chemisch-physikalische Behandlungsanlagen entfernen umweltschädliche Schwermetalle heute sehr zuverlässig. Doch viele Abwässer – insbesondere aus Hightech-Branchen wie Halbleiterfertigung, Metallverarbeitung oder Batterierecycling – enthalten darüber hinaus sogenannte „kritische Metalle“. Das sind Rohstoffe, die wirtschaftlich hochrelevant, zugleich aber mit erheblichen Versorgungsrisiken behaftet sind: das bekannte Lithium zum Beispiel, aber auch Neodym oder andere Seltene Erden. Bislang werden sie bei der Abwasserbehandlung kaum berücksichtigt – nicht, weil sie wertlos wären, sondern weil sie in der Regel keine negativen Umweltauswirkungen haben und ihre Konzentration in Abwässern daher nicht reguliert ist. Das tatsächliche Recycling-Potenzial ist deshalb weitgehend unbekannt. Hier setzt „LiquidMining“ an: Das Projekt will erstmals systematisch erfassen, welche kritischen Metalle in industriellen Abwässern in Deutschland enthalten sind, in welchen Konzentrationen, in welchen Mengen und mit welchem wirtschaftlichen Potenzial. Ziel ist es, dieses „sekundäre Rohstofflager“ zu quantifizieren und technisch nutzbar zu machen. Während sich die Universität Augsburg mit industriellen Abwässern beschäftigt, nehmen die Forschenden des Karlsruher Institut für Technologie im Projekt natürliche Wässer in den Blick, etwa Thermal- und Grubenwässer. Diese können ebenfalls relevante Mengen an Lithium, Rubidium, Cäsium, Bor oder anderen Elementen enthalten. Während sich viele aktuelle Forschungsaktivitäten auf Lithium aus Geothermie konzentrieren, erweitert LiquidMining den Fokus bewusst auf weitere strategisch wichtige Metalle. Der interdisziplinäre Ansatz des Projekts besteht darin, gemeinsam mit den Industriepartnern Leiblein GmbH und G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH dieselben Technologien für natürliche und anthropogene Wässer weiterzuentwickeln und anzuwenden und dadurch Synergieffekte zu nutzen. Kern des Projekts ist die Entwicklung einer modularen Verfahrenskombination zur Rückgewinnung kritischer Metalle aus wässrigen Lösungen. Dazu werden unterschiedliche Technologien, etwa Sorptionsverfahren, Membrantechnik oder innovative Fällungs- und Abtrennverfahren, kombiniert und im Labormaßstab erprobt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Anpassungsfähigkeit des zu entwickelnden Verfahrens: Da Zusammensetzung, pH-Wert und Salzgehalt der Wässer stark variieren können, muss es flexibel auf unterschiedliche Bedingungen reagieren. In der zweiten Projektphase ist der Aufbau einer Pilotanlage geplant, die die technische und wirtschaftliche Machbarkeit im industriellen Maßstab demonstriert. Ein weiterer Baustein des Projekts ist die Entwicklung einer „Sekundärrohstofflandkarte“. Analog zur klassischen Rohstoffexploration im Bergbau sollen erstmals flüssige Rohstoffquellen systematisch erfasst und bewertet werden. Ergänzt wird dies durch ein Bewertungstool, das Unternehmen ermöglicht, das Erlöspotenzial einer Metallrückgewinnung aus ihren Abwässern abzuschätzen. Damit schafft LiquidMining nicht nur technologische Grundlagen, sondern auch Entscheidungsinstrumente für Industrie und Politik. Die Rückgewinnung kritischer Metalle aus Abwasser bietet erhebliche ökologische Vorteile gegenüber der Primärgewinnung im Bergbau. Energieintensive Schritte wie Erzabbau und -aufbereitung entfallen. Landschaftseingriffe, saure Grubenwässer oder radioaktive Rückstände – etwa bei der Gewinnung seltener Erden – können vermieden werden. Gleichzeitig steigt mit Digitalisierung, Mobilitäts- und Energiewende der Bedarf an strategischen Rohstoffen für Batterien, Windkraftanlagen oder Halbleiter kontinuierlich. Europa verfolgt daher das Ziel, seine Rohstoffabhängigkeit zu reduzieren und Lieferketten resilienter zu gestalten. „LiquidMining leistet hierzu einen konkreten Beitrag: Die Rohstoffe von morgen könnten direkt in den Abwässern von heute liegen“, sagt Prof. Dr. Daniel Vollprecht, Lehrstuhlinhaber Resource and Chemical Engineering an der Universität Augsburg. Er leitet das Projekt, das seine Doktorandin Lisa-Marie Hess federführend bearbeitet. Beteiligt sind außerdem das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie die Unternehmen Leiblein GmbH und G.E.O.S. Ingenieurgesellschaft mbH. Gefördert wird „LiquidMining“ im Rahmen des 8. Energieforschungsprogramms der Bundesregierung im Förderbereich „Ressourceneffizienz und zirkuläre Wirtschaft“. Die Laufzeit beträgt drei Jahre.
E-Mail:
daniel.vollprecht@uni-auni-a.de ()
E-Mail:
corina.haerning@presse.uni-augsburgpresse.uni-augsburg.de ()
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