Musikpädagogik-Projekt: „Gänsehaut-Moment“ im Klassenzimmer
Künstlerische Aktivitäten geben Selbstvertrauen, tragen zum Beziehungsaufbau bei und unterstützen die Resillienz sowie das psychische Wohlbefinden. Hier setzt das Projekt „piccolino“ an. Initiiert von der Stiftung Internationale Musikakademie Schloss Kapfenburg, liegt die fachliche Leitung bei der Musikpädagogin Prof. Andrea Friedhofen vom Leopold Mozart College of Music der Universität Augsburg. Das Ziel: Prävention und seelische Gesundheitsförderung über das gemeinsame Musizieren und Singen bei Kindern zwischen 6 und 8 Jahren in der Grundschule. Als eine der ersten „piccolino“-Lehrkräfte in Bayern setzt die Musikpädagogin Gilah Buchner das Lehrkonzept nun in die Praxis um. Zwei Perspektiven, die zeigen, wie aus einer Idee erfolgreicher Unterricht wird. https://www.schloss-kapfenburg.de/de/bildung-gesundheit/piccolino
Seit wann gibt es das Projekt und wie kam es zu der Idee?
Prof. Andrea Friedhofen: Die Idee kam von Schloss Kapfenburg in Zusammenarbeit mit der Techniker Krankenkasse. Die Frage war: Wie können wir über Musik und Bewegung Prävention und seelische Gesundheitsförderung in der Grundschule ermöglichen und unterstützen? Begonnen haben wir 2022 mit einer Konzept- und Erprobungsphase. Seit 2025 gibt es auf Schloss Kapfenburg die Fortbildung zur „piccolino“-Lehrkraft, bei der ich auch die fachliche Leiterin bin.
Eine Fortbildung, auf die Sie, Frau Buchner, aufmerksam geworden sind. Wie kam es dazu?
Gilah Buchner: Als Musik- und Theaterpädagogin bin ich in einer Zeitung auf die Ausschreibung gestoßen. Die Kombination aus Musikpädagogik und Gesundheitsförderung im Grundschulunterricht hat mich sofort angesprochen. Während der Fortbildung hat mich die erziehungswissenschaftliche Begleitung und Evaluation des Projekts überzeugt. Toll finde ich, dass die Stundenbilder sehr gut ausgearbeitet sind. Nach der Erarbeitung im Kurs kann ich sie im praktischen Unterricht einfach übernehmen.
Wie läuft der Unterricht im piccolino-Projekt ab?
Friedhofen: Das Projekt basiert auf Methoden der Elementaren Musikpädagogik: spielerisch, erlebnisorientiert und indem wir über das Erfahrene gemeinsam sprechen, findet musikalische Bildung statt. Eine Grundschullehrkraft für Musik arbeitet im Tandem mit einer piccolino-Musikpädagogin. Pro Woche wird eine Schulstunde Musik gemeinsam gestaltet. Wir improvisieren, wir singen, wir musizieren gemeinsam. Die Kinder können den Unterricht mitgestalten und fühlen sich dadurch sehr gesehen und wir fördern die Selbstwirksamkeit. Häufig arbeiten wir mit Elementaren Instrumenten wie Xylophone, Rasseln, Trommeln oder Klanghölzer. Am besten kamen bei den Kindern bisher die Djemben an, also das gemeinsame Trommeln. Da können sie sich ausdrücken, sei es einzeln oder auch als Rhythmusgruppe.
Buchner: Ich arbeite seit diesem Schuljahr in der Stufe 1 und 2 mit dem Piccolino-Material. Es hat mich überrascht und gefreut, dass jede Stunde funktioniert. Entspannende Stunden, in denen zugehört, getanzt und gemalt wird, sind sehr beliebt. Actionreiche Stunden, in denen auch hohe Konzentration gefordert ist, werden ebenso gut angenommen. Inzwischen können die Kinder selbst Rhythmen darstellen und halten. Die Stimme als Gesangspotential ist ihnen viel geläufiger als in den ersten Stunden.
Was lernen die teilnehmenden Kinder über die Musik hinaus?
Friedhofen: Ich finde es faszinierend zu sehen, was in der Entwicklung auf allen Ebenen passiert, es ist die persönliche, individuelle Entwicklung, sowohl kognitiv als auch emotional-sozial. Das soziale Verhalten, die Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit zur Selbstbehauptung sind sichtbar gestiegen. Das haben die Lehrkräfte auch in anderen Unterrichtsfächern bemerkt. Auch die kommunikativen Fähigkeiten, die Empathie und die Fähigkeit, Beziehungen zu gestalten, haben sich verbessert. In der Erprobungsphase konnten wir außerdem beobachten, dass sich unter Stress das Selbstkonzept und die Selbstregulation bei den Kindern verbessert haben. Was das Projekt zusätzlich auszeichnet: Gemeinsam musizieren können auch Kinder, die noch nicht so gut Deutsch sprechen oder verstehen, denn vieles wird nonverbal angeleitet.
Buchner: Ich hatte kürzlich einen Gänsehaut-Moment. Ein Schüler ist sehr schüchtern. Während eines Kreisspiels hat er, ohne zu zögern, eine selbstausgedachte Tonfolge gesungen.Weitere Informationen: