Was gefährdete Inselstaaten für die Klimaanpassung brauchen
Studie der Universität Augsburg untersucht den Materialbedarf für Küstenschutz und Landgewinnung auf den Malediven
Kleine Inselstaaten gehören zu den Regionen, die besonders stark von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Steigende Meeresspiegel, Sturmfluten und Küstenerosion machen Schutzmaßnahmen immer dringlicher. Eine neue Studie der Universität Augsburg und der University of Waterloo zeigt nun am Beispiel der Malediven, welche Materialmengen für solche Maßnahmen benötigt werden – und welche langfristigen Folgen daraus für Ressourcenbedarf, Importabhängigkeiten und zukünftige Planungen entstehen. Die Malediven liegen im Indischen Ozean und zählen zu den am stärksten gefährdeten Inselstaaten weltweit. Viele Inseln liegen nur knapp über dem Meeresspiegel. Um sich gegen steigende Meeresspiegel und stärkere Wellen zu schützen, setzen die Malediven bereits seit Jahren auf technische Anpassungsmaßnahmen. Dazu gehören etwa Wellenbrecher, Uferbefestigungen und die Gewinnung oder Erhöhung von Landflächen. Die Studie, die in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht wurde, untersucht, welche Materialmengen für solche Maßnahmen zwischen den Jahren 2000 und 2100 benötigt werden könnten. Dafür nutzt das Forschungsteam um Prof. Simron Singh von der University of Waterloo, der aktuell als Gastprofessor an der Universität Augsburg tätig ist, und Dr. Andrea Thorenz vom Resource Lab der Universität Augsburg eine Materialbestands- und Materialflussanalyse. Auf Grundlage von Satellitendaten, öffentlich verfügbaren Projektdaten zu Küstenschutzmaßnahmen und Szenarien zum Meeresspiegelanstieg modelliert das Team verschiedene mögliche Entwicklungen. Betrachtet werden vor allem zwei Strategien: der Schutz bestehender Küstenlinien sowie die Landgewinnung und Erhöhung von Inseln, für die große Mengen an Sand, Gestein und weiteren Baumaterialien benötigt werden. Die Ergebnisse zeigen: Technische Anpassungsmaßnahmen können kurzfristig Schutz bieten, erzeugen aber langfristig einen hohen und wiederkehrenden Materialbedarf. Für bestehende Küstenschutzbauwerke berechnet die Studie ab 2024 einen jährlichen Erhaltungsbedarf von rund 6.400 Tonnen Material. Bis 2100 summiert sich dieser Bedarf auf etwa 482.000 Tonnen. Ein Szenario zeigt zudem, dass allein der Erhalt neu gewonnener Landflächen bis 2100 kumuliert 1,2 bis 1,34 Milliarden Tonnen Material erfordern könnte. Bestehende Bauwerke und aufgeschüttete Landflächen müssen instandgehalten, erhöht oder erweitert werden, wenn der Meeresspiegel weiter steigt. Dadurch kann ein Kreislauf entstehen, in dem immer neue Materialien benötigt werden, um bereits bestehende Schutzmaßnahmen funktionsfähig zu halten. Gerade für kleine Inselstaaten ist diese Perspektive wichtig, weil viele Baumaterialien nicht vor Ort verfügbar sind. Sie müssen importiert werden und sind damit abhängig von globalen Lieferketten, schwankenden Preisen und politischen Entwicklungen. Auch Sand ist dabei eine zunehmend kritische Ressource: Zwar ist Sand geologisch nicht grundsätzlich knapp, regional können Übernutzung, Nutzungskonflikte und ökologische Folgen des Abbaus jedoch zu erheblichen Problemen führen. Die Studie macht diese Zusammenhänge sichtbar und liefert damit eine Grundlage, um verschiedene Anpassungswege besser abzuwägen. „Klimaanpassung wird häufig vor allem als technische oder finanzielle Herausforderung betrachtet. Unsere Studie zeigt, dass auch der Materialbedarf eine zentrale Rolle spielt. Die Vorstellung, sämtliche bedrohten Küsten weltweit in Zukunft durch Aufschüttungen und weitere technische Eingriffe zu sichern, stößt angesichts des enormen Ressourcenbedarfs an natürliche Grenzen. Nachhaltige Anpassungsstrategien müssen daher die Verfügbarkeit von Materialien, ihre langfristigen Folgen und alternative Lösungsansätze von Anfang an berücksichtigen“, sagt Dr. Andrea Thorenz von der Universität Augsburg. Die Malediven stehen im Mittelpunkt der Untersuchung, doch die Ergebnisse sind auch für andere kleine Inselstaaten relevant. Viele von ihnen tragen nur wenig zu den globalen Treibhausgasemissionen bei, sind aber besonders stark von deren Folgen betroffen. Zugleich verfügen sie häufig nur über begrenzte eigene Ressourcen und sind bei großen Infrastrukturmaßnahmen auf Importe, externe Finanzierung und internationale Unterstützung angewiesen. Die Studie zeigt damit über den konkreten Fall der Malediven hinaus, wie wichtig es ist, Klimaanpassung nicht allein danach zu bewerten, ob sie kurzfristig Schutz bietet. Entscheidend ist auch, welche langfristigen Folgen sie für Ressourcenverbrauch, Importabhängigkeiten, Umwelt und öffentliche Finanzen hat. Aus Sicht der Forschenden braucht es deshalb Strategien, die technische Schutzmaßnahmen, lokale Bedingungen, soziale Folgen und nachhaltige Ressourcennutzung stärker zusammendenken. Originalpublikation: tb Die Forschung entstand im Rahmen des Zentrums für Klimaresilienz in einem Teilprojekt des Green Research Network BRaVE an der Universität Augsburg. BRaVE ist Teil der Grünen Transformation der Universität Augsburg und wird aus Mitteln des Hochschulvertrags durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst unterstützt. Das Netzwerk verbindet Forschungsarbeiten, die sich mit Biodiversität, Resilienz, Klimaanpassung und nachhaltiger Ressourcennutzung beschäftigen.
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Bedeutung über die Malediven hinaus
Singh, S.; Linsmaier, S.; Choudhary, C.; Wietschel, L.; Azfa, A.; Wiedenhofer, D.; Mohamed, S.; Thorenz, A. (2026): Material requirements for adapting to climate change in the Maldives. Scientific Reports.Infokasten
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