Wahrheit und/oder Fiktion: Was leisten Narrative zur Erschließung von Offenbarung?

© Heiko Probst ThF-PB

An der Theologischen Fakultät Paderborn fand am 26./27. Juni eine Fachtagung unter dem Titel „Kirchengeschichte als Erzählung? Zur Bedeutung von Narrativität für die Historische Theologie" statt, veranstaltet von Prof. Dr. Dr. Bernd Irlenborn und Dr. Bernhard Holl. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Theologie und Geschichtswissenschaft diskutierten gemeinsam, welche Rolle erzählerische Strukturen für Methodik und Selbstverständnis der Kirchengeschichte spielen – eines Fachs, das erzähltheoretische Ansätze bislang eher zurückhaltend rezipiert hat. Die Beiträge reichten von grundlagentheoretischen Überlegungen zum „linguistic turn" und zur kirchlichen Identität als Erzählgemeinschaft über geschichtswissenschaftliche Zugänge bis hin zu Fallstudien an historischen Texten und päpstlichen Dokumenten.

Prof. Dr. Johannes Grössl argumentierte in seinem Vortrag „Wahrheit und/oder Fiktion: Was leisten Narrative zur Erschließung von Offenbarung?", dass Geschichten in der Theologie unverzichtbar sind und sich nicht durch Argumente und Fakten ersetzen lassen. Wer eine Person wirklich kennenlernen will, liest keine Faktenliste, sondern hört Geschichten über sie. Ähnliches gilt für den christlichen Glauben: Die Botschaft des Evangeliums erschließt sich wesentlich durch Erzählung, durch das Nacherleben und die Identifikation mit Figuren und Schicksalen. Im Anschluss an Eleonore Stump und Michael Root zeigte Grössl, dass Narrative ein irreduzibles „Wissen der zweiten Person" sowie ein konfiguratives Wissen vermitteln, das propositionale Aussagen grundlegend ergänzt und in soteriologischen Kontexten gar ersetzt.

Daraus ergibt sich auch eine Aufgabe für die Kirchengeschichte als historische Theologie: Sie muss sich nicht nur den glänzenden, sondern auch den dunklen Kapiteln stellen – von den Kreuzzügen bis zu jüngeren Missbrauchsskandalen – und diese in einen größeren, ehrlichen Deutungsrahmen einbetten. Denn wenn Offenbarung sich wesentlich in und durch Geschichten ereignet, dann gehöre die gesamte Geschichte der Kirche – mit all ihren Brüchen – untrennbar zum Offenbarungsgeschehen selbst.

Vollständiger Tagungsbericht:    https://www.thf-paderborn.de/news/narrativitaet-als-entscheidende-bruecke-zwischen-geschichtswissenschaft-und-theologie/

Vortrag von Prof. Dr. Grössl bei der Fachtagung in Paderborn am 26.-27. Juni 2026 © Heiko Probst ThF-PB

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