Rabbiner Dr. Henry Brandt † © Felder

Am Montag, den 7. Februar 2022, ist Rabbiner Dr. Henry G. Brandt im Alter von 94 Jahren verstorben.

 

Seit Beginn seiner Tätigkeit als Rabbiner der jüdischen Gemeinde von Augsburg im Jahr 2004 übernahm er als Dozent regelmäßig Lehraufträge an der Katholisch-Theologischen Fakultät, um den Studierenden Judentum und jüdisches Leben zu erschließen. Für die Studierenden war es ein besonderes Erlebnis, mit Rabbiner Brandt ins Gespräch zu kommen und durch die Teilnahme am Synagogengottesdienst jüdisches Leben vor Ort kennenzulernen. Rabbiner Brandt suchte den Dialog mit jungen Menschen, um sie zu verstehen und sie mit der reichen jüdischen Lehre und Überlieferung vertraut zu machen. Viele haben durch den Rabbiner die verwandtschaftlichen Bande zwischen Juden und Christen neu entdeckt. Erst mit der Beendigung seines Rabbinats für die Augsburger Kultusgemeinde im Jahre 2019 beendete er auch seine Lehrtätigkeit an der Universtität Augsburg.

Rabbiner Brandt war ein Brückenbauer. Im Jahr 1927 in München geboren, musste er im Alter von 12 Jahren mit seiner Familie vor den Nationalsozialisten fliehen und emigrierte nach Tel Aviv. Er nahm am Unabhängigkeitskrieg teil, studierte zunächst Wirtschaft in Nordirland und entschied sich danach für eine Ausbildung zum Rabbiner am Leo Baeck Institut in London. Er war in Großbritannien, Schweden und in der Schweiz als Rabbiner tätig. Im Jahre 1983 kehre er nach Deutschland zurück, wurde Landesrabbiner von Niedersachsen, danach von Westfalen-Lippe, betreute mehrere Gemeinden und baute neue Gemeinden auf. Von 1985 bis 2016 war er als jüdischer Vorsitzender des Deutschen Koordinierungsrates der Gesellschaften für christlich-jüdische Zusammenarbeit tätig und leitete die Allgemeine Rabbinerkonferenz Deutschland von 2004, dem Jahr ihrer Gründung, bis 2019.

 

 

Als "Brückenbauer" war Rabbiner Brandt unermüdlich im Einsatz. Er trug nicht nur innerhalb des Judentums zu Dialog und Versöhnung bei, sondern baute Brücken zwischen Juden und Christen, zur muslimischen Gemeinschaft und öffnete die jüdische Gemeinde von Augsburg für die  Stadtgesellschaft. Deshalb verlieht ihm die Friedensstadt Augsburg im Jahre 2015 die Ehrenbürgerschaft mit folgender Begründung:

 

„Henry Brandt steht für praktische Lösungen im täglichen Leben und ist damit Vorbild. … Brandt verkörpert glaubhaft und zuverlässig die zur Versöhnung ausgestreckte Hand. Er hat die Synagoge für die Stadt geöffnet. Er machte und macht das Judentum verständlich und in Augsburg zu etwas Selbstverständlichem.“

 

In Trauer und zugleich mit großer Dankbarkeit nimmt die Katholisch-Theologische Fakultät Abschied von Rabbiner Dr. Henry G. Brandt. Er war ein weiser Lehrer und ein begabter Redner, der den Hörerinnen und Hörern die Weisheit der jüdischen Lehre und den tieferen Sinn jüdischer Feste und Bräuche erschloss. Seine menschenfreundliche Art, sein gütiges Wesen und sein großes Herz wird allen dankbar in Erinnerung bleiben, die ihn kennenlernen durften.

 

Franz Sedlmeier
Prof. em. für Alttestamentliche Wissenschaft

 

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