Große Werke der Literatur XVII

© Universität Augsburg

Die Ringvorlesung, in Augsburg inzwischen eine Institution, will an interessante Literatur heranführen, das Monumentale verlebendigen und näherbringen, das Schwierige auflösen, aber auch Verständnis für das Widersprüchliche oder Sperrige wecken. Grundsätzlich sollen Werke aus verschiedenen Nationalliteraturen vorgestellt werden. Und immer geht es, bei aller wissenschaftlichen Fundierung, um Anschaulichkeit und ganz einfach Freude am Lesen. Dass die Vortragenden ihre Themen frei gewählt haben, ist dafür sicher eine gute Voraussetzung.

 

PROGRAMM IM WINTERSEMESTER 2022/23

Veranstaltungsort/-zeit: Stadtbücherei Augsburg, 18:30-20:00 Uhr

 

  • 02. November 2022
    Carmina Burana. Carl Orff und der Codex Buranus
    Klaus Vogelgsang (Augsburg)
  • 30. November 2022
    Mario Vargas Llosa. Der Krieg am Ende der Welt
    Bernd Oberdorfer (Augsburg)
  • 07. Dezember 2022
    Annie Ernaux. Das Ereignis
    Klaus Arntz (Augsburg)
  • 18. Januar 2023
    Alois Hotschnig. Der Silberfuchs meiner Mutter
    Stephanie Waldow (Augsburg)
  • 01. Februar 2023
    Henry James. The Turn of the Screw
    Mita Banerjee (Mainz)

 

Die Vorträge finden in der Augsburger Stadtbücherei (Ernst-Reuter-Platz 1) statt. Eine Teilnahme online über Zoom ist ebenfalls möglich, melden Sie sich in diesem Fall vorab unter folgender E-Mail-Adresse an:
sekretariat.amerikanistik@philhist.uni-augsburg.de

 

02.11.2022 | Klaus Vogelgsang: Carmina Burana. Carl Orff und der Codex Buranus

 

O Fortuna! Carl Orffs ‚Carmina Burana‘-Komposition verbindet ganz außergewöhnliche Popularität mit einem maximal abgelegenen Sujet – nämlich profaner Lyrik in mittelalterlichem Latein. Welches Bild von dieser Dichtung vermittelt Orffs Werk? Ich möchte nachzeichnen, wie Orff zusammen mit seinem philologischen Dramaturgen Michel Hofmann Material aus der großen Sammlung der Benediktbeurer Handschrift auswählt und montiert – und ich kann die eine oder andere Überraschung versprechen: Das bei Orff übergroße O Fortuna ist im Original fast nur eine Randnotiz. Mit Estuans interius versteckt sich ein hochstehender Dichter zwischen derben Saufliedern. Chramer, gip die varwe mir singt ursprünglich die unheilig-heilige Maria Magdalena. Und das schmachtende Bariton-Solo Dies, nox et omina hat eigentlich zum Thema den studentischen Blues im Auslandssemester. Es gilt also doch: O Fortuna!

30.11.2022 | Bernd Oberdorfer: Mario Vargas Llosa. Der Krieg am Ende der Welt

 

Ein charismatischer Wanderprediger, der eine christliche Basisgemeinde sammelt, ein europäischer Anarchist, der seine revolutionären Visionen in Lateinamerika umgesetzt sehen möchte, eine Republik in Kinderschuhen, die gerade die Monarchie abgelöst hat, Weltanschauungskämpfe, Fake News und Intrigen - alles mündet in einen blutigen "Krieg am Ende der Welt". In seinem gleichnamigen Roman entfaltet Mario Vargas Llosa 1981, ausgehend von realen Ereignissen, ein vielperspektivisches Panorama der brasilianischen Gesellschaft am Ende des 19. Jahrhunderts, das transparent ist für soziale Dynamiken, politische Diskurse und ideologische Konflikte der Gegenwart.

07.12.2022 | Klaus Arntz: Annie Ernaux. Das Ereignis


Die jüngst mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Schriftstellerin Annie Ernaux schildert in Ihrem Buch ein „Ereignis“, das sie selbst als junge Studentin in den 1960er Jahren betroffen hat. Nicht nur durch die jüngst erfolgte Auszeichnung ihres Werkes, sondern auch angesichts der aktuellen politischen Ereignisse zum Thema Schwangerschaftsabbruch verleihen dem Text eine unerwartete neue Brisanz.

 

 

18.01.2023 | Stephanie Waldow: Alois Hotschnig. Der Silberfuchs meiner Mutter

 

Hotschnig ist ein Meister der kleinen Werke. In einer bis aufs Äußerste reduzierten Sprache lässt er Bilder entstehen, die weit über den Erzählrahmen des Textes hinausgehen. So auch in seinem aktuellen Roman Der Silberfuchs meiner Mutter. Den Echoraum des Textes bildet die Schauspielkarriere der Figur Heinz Fritz, innerhalb dessen große Themen, wie die Traumata des zweiten Weltkriegs, Flucht, Migration und Mißhandlung scheinbar nebenbei verhandelt werden. Entstanden ist ein Text voller Erinnerungslücken, sprachlicher Stolpersteine und abweichender Versionen der eigenen Lebensgeschichte. Auch wenn Hotschnig für seinen Roman über fünf Jahre mit dem Schauspieler Heinz Fitz Gespräche über sein Leben geführt hat, handelt es sich dennoch nicht um eine Biografie, denn am Ende steht die große Frage: Was ist überhaupt noch stimmig? Eine Frage, auf die nicht nur die Figur des Romans, sondern auch die Leser*innen zurückgeworfen sind.

 

 

01.02.2023 | Mita Banerjee: Henry James. Turn of the Screw

 

Henry James' Novelle The Turn of the Screw gilt als ein Klassiker des amerikanischen Realismus. Im Realismus gibt es nicht nur eine, sondern viele Realitäten; diese stehen nicht selten für widerstreitende Gesellschaftsformen und Moralvorstellungen. Bemerkenswert ist nun aber, dass James diese Fragen in seiner Erzählung auf die Darstellung von Geisteszuständen bezieht. Was ist „wahr“ in dieser Geschichte? Wird die Gouvernante, um die die Erzählung kreist, durch zwei durchtriebene Kinder in den Wahnsinn getrieben? Oder ist es ihr eigener Gemütszustand, der ihr die unschuldig aussehenden Kinder als hinterhältige Manipulatoren erscheinen lässt? Heute mutet The Turn of the Screw beinahe prophetisch an. Henry James nimmt darin Ende des 19. Jahrhunderts Einsichten vorweg, wie sie uns die Neurowissenschaften erst jetzt über bipolare Störungen eröffnen. Ziel des Vortrags ist es, diese Vorausschau unter die Lupe zu nehmen. Wie konnte ein amerikanischer Schriftsteller des 19. Jahrhunderts derart tiefe Einblicke in die menschliche Psyche erlangen?

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