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Phase 3: „Traumcafé Europa“? Kommunistische Internationale, jüdische Transnationalität und die Idee der europäischen Gemeinschaft nach 1989. Das Erbe Lenka Reinerovás und Theodor Balks
Das Seminar „Traumcafé Europa“? Kommunistische Internationale, jüdische Transnationalität und die Idee der europäischen Gemeinschaft nach 1989. Das Erbe Lenka Reinerovás und Theodor Balks fand im Rahmen einer trilateralen Kooperation der Universitäten Augsburg, Pilsen und Toulouse statt. Es war die dritte und letzte Phase und fand vom 18. bis zum 23. Juni 2026 an der Universität Augsburg satt.
Die Studierenden aus Pilsen und Toulouse reisten am Donnerstag mit ihren Dozentinnen Markéta Balcarová und Hélène Leclerc in die bayerische Stadt Augsburg. Nach der Anreise wurde das Jüdische Museum Augsburg und die Synagoge durch eine Führung besichtigt. Dadurch lernten die Studierenden das jüdische Leben in Augsburg kennen und die Bedeutung der Synagoge wurde vom Guide hervorgehoben. Danach folgte ein Essen, um die alten, bekannten Gesichter aus den verschiedenen Ländern wiederzusehen und auch die neuen Menschen kennenzulernen.
Am Freitag schloss sich auf dem Campus der Universität Augsburg nach einer Begrüßung durch die Dozentinnen eine Vorstellungsrunde an, sodass alle neuen und alten Studierenden sich kennenlernen konnten. Ein Rückblick auf die ersten beiden Phasen an den Universitäten Pilsen und Toulouse wurde danach geworfen. Hier konnten wichtige Leitfragen besprochen werden, die im Gespräche mit den Autor*innen Anna Fodorová und Jaroslav Rudiš am Nachmittag von den Studierenden gestellt werden konnten. Damit die Studierenden den Autoren Jaroslav Rudiš, den sie bisher nur aus der Lektüre der beiden Texte Winterbergs letzte Reise (2019) und Nachtgestalten (2020) kennen gelernt haben, besser verstehen, folgte ein Einführungsvortrag von Prof. Hélène Leclerc mit dem Titel Schreiben und schaffen zwischen zwei Sprachen. Einführung in das Werk von Jaroslav Rudiš. Leclerc zeigte die Leitthemen, intertextuellen Bezüge in seinen Texten und die große Vielfalt an literarischen Gattungen auf.
Nach einer Mittagspause, welche von den Studierenden dafür genutzt wurde, Augsburg zu erkunden und ein Mittagessen einzunehmen, fand im Herzen der Stadt, im Evangelischen Forum Annahof, die öffentliche Lesung mit Anna Fodorová aus ihrem Roman In the Blood (2022) statt. Die Lesung wurde von Dr. Markéta Balcarová auf Tschechisch und Englisch moderiert. Anna Fodorová las mehrere Passagen vor, ging aber auch auf Fragen ein und erzählte den Studierenden aus ihrem Leben und aus dem ihrer Eltern, welches in ihren autobiografischen Romanen eine wichtige Rolle spielt. Diese Lesung wurde ebenso wie das sich anschließende Gespräch zwischen Anna Fodorová und Jaroslav Rudiš sowie die Lesung von Rudiš am Abend von einem professionellen Kameramann aufgezeichnet. Die Video- und Tonqualität für den Dokumentarfilm, der aus der Veranstaltung hervorgehen wird und anschließend ins Netz gestellt werden soll, konnte auf diese Weise gesichert werden.
Eine Pause nach der Lesung mit Anna Fodorová wurde dafür genutzt die Bestuhlung zu ändern. Damit das Gespräch zwischen Fodorová und Rudiš so angenehm wie möglich gestaltet werden konnte, entschieden wir uns für einen Stuhlkreis, der alle Teilnehmer*innen in den Blick nahm. Im Gespräch sprachen beide Autor*innen über die Bedeutung, die der Europa-Gedanke in ihren Texten hat. Dabei kamen sie immer wieder auch auf die Frage zurück, welche die Werke Lenka Reinerovás und Theodor Balks für ihr eigenes Denken und Schreiben haben.
Zwischen dem Gespräch mit beiden und der Lesung mit Rudiš wurde im Zeughaus, einem urbayerischen Gasthaus, ein Abendessen eingenommen. Der Musiksaal im Zeughaus diente auch als Ort für die öffentliche Lesung mit Jaroslav Rudiš aus seinem Roman Winterbergs letzte Reise (2019), zu der auch die Augsburger Stadtgesellschaft eingeladen worden war. Rudiš war schon einige Male zuvor in Augsburg zu Gast gewesen und zog ein großes Publikum an. Prof. Bettina Bannasch führte Jaroslav Rudiš ein und moderierte das anschließende Gespräch mit ihm. Das Gespräch ging auf die Geschichte Europas in dem Roman, auf zentrale historische Ereignisse sowie auf die Metapher der Eisenbahn ein, die in diesem Roman die Vorstellung der vielfach miteinander verbundenen europäischen Länder versinnbildlicht. Auch die Frage nach der Bedeutung weiterer literarischer Vorbilder, die neben den Werken Reinerovás und Balks das Schreiben von Rudiš prägten, wurde eingehend besprochen.
Am nächsten Morgen wurde wieder das Evangelische Forum Annahof genutzt, um mehr über Theodor Balk, der im Fokus der zweiten Phase des Projektes stand, zu erfahren. Hierfür konnten wir Dr. Jelena Jovanović Simić aus Belgrad gewinnen, die einen Vortrag mit dem Titel Theodor Balk: Challenging "Pseudo-Social" Medicine through Writings and Social-Political Activism hielt. Da wir uns in der zweiten Phase vor allem mit Theodor Balk als Kämpfer im Spanischen Bürgerkrieg beschäftigt haben, warf Simić nun einen anderen, neuen Blick auf Balk. Simić stellte Balk mit seinem 1928 veröffentlichten Text Medicine and Society als einen politischen Aktivisten vor. Prof. Hélène Leclerc stellte die Vortragende vor und moderierte die anschließende Diskussion.
Im Anschluss daran wurde von den Augsburger Studierenden eine gemeinsame Lektürerunde zu Rudiš Texten Winterbergs letzte Reise und Nachtgestalten moderiert. Der Fokus lag hier auf zentralen Motiven, die sich durch den ganzen Roman Winterbergs letzte Reise ziehen. Ein Vergleich mit der Graphic Novel Nachtgestalten zeigte auf, dass Rudiš hier ähnliche Themen und Motive wie in seinen literarischen Texten verhandelt.
Das Mittagessen wurde auf dem Campus eingenommen. Daran schloss sich eine weitere moderierte Lektürerunde an. Dieses Mal standen Texte von Anna Fodorová, ihr Erinnerungsbuch Lenka und der autofiktionale Roman In the Blood im Zentrum. Auch hier bot sich ein Vergleich der beiden Texte an. Es wurde unter anderem den Fragen nachgegangen, wie die Figuren mit dem Trauma der Vergangenheit umgehen – dem durch die Shoah erlittenen Verlust der Angehörigen –, welche Bedeutung dem (Selbst-)Verständnis der Protagonistin zukommt, der „zweiten Generation“ anzugehören, und welche Rolle darüber hinaus familiäre Bindungen im Werk Anna Fodorovás spielen.
Eine der studentischen Seminarteilnehmerinnen, Magdalena Deil, die bereits an den beiden vorausgegangenen Phasen teilgenommen hatte, gab danach für die Gruppe eine Stadtführung durch die Augsburger Innenstadt. Wir starteten am Augsburger Dom und wurden über den Rathausplatz, das Hans-Jakob-Fugger-Denkmal bis zu den Fuggerhäusern in der Maximilianstraße geführt. Die Stadtführung zeigte, was für eine reiche Geschichte die Stadt hat und wie die Gründung durch die Römer Augsburg noch heute prägt.
Am Abend fand in Augsburg die Lange Nacht der Kunst statt. Die Seminarteilnehmer*innen wählten individuell Veranstaltungen aus, die sie besuchten.
Am Sonntag folgte eine Exkursion nach München mit dem Zug. Vom Hauptbahnhof liefen wir zum Jüdischen Museum und erhielten dort eine Führung durch die Dauerausstellung. Die Führung betonte die Bedeutung jüdischen Lebens in München und zeigte anhand von konkreten Einzelbeispielen auf, wie jüdische Personen damals lebten und heute noch oder wieder in München leben. Eine Führung im NS-Dokumentationszentrum, das im Anschluss besucht wurde, machte anschaulich deutlich, dass sich nicht mit dem Jahr 1933 schlagartig alles änderte, sondern dass schon lange zuvor entscheidende Weichen gestellt wurden. Die Rückreise nach Augsburg erfolgte am frühen Nachmittag.
In Augsburg versorgten sich alle mit einem Mittagsimbiss und fuhren zum Campus der Universität zurück. Dort erarbeiteten die Studierenden unter Anleitung der Dozentinnen Leitfragen für den Schnitt des entstehenden Dokumentarfilms. Hierfür wurden sechs Gruppen gebildet, jeweils zwei Gruppen schauten sich eine der Filmsequenzen noch einmal vertiefend an (1. Lesung und Gespräch Anna Fodorová, 2. Lesung und Gespräch Jaroslav Rudiš, 3. Gespräch zwischen Fodorová und Rudiš) an. Es wurde ein Gesamtkonzept für den Film diskutiert und überlegt, welche Sequenzen aufgenommen werden sollen. Der Tag wurde abgeschlossen mit einem gemeinsamen Abendessen auf dem Campus.
Der letzte Tag wurde mit einem Vortrag von Prof. Bettina Bannasch mit dem Titel Der Europadiskurs in der deutschsprachigen Literatur von Novalis bis Heinrich Mann eröffnet. Bannasch zeigte die Verbindungen, Unterschiede und auch die Weiterentwicklung des deutschsprachigen Europa-Diskurses bei Schiller, Novalis, Schlegel, Nietzsche, Simmel, Mann und Coudenhove-Kalergi auf; der Ausblick widmete sich Texten, die dem ‚habsburgischen Mythos‘ in der Literatur behandeln, exemplarisch an den Romanen Musils und Roths. Die anschließende Kaffeepause wurde dafür genutzt, den Vortrag zu diskutieren. Danach wurde der Europa-Gedanke in der Lektürerunde, die von Prof. Hélène Leclerc geleitet wurde, am Beispiel des Erinnerungsbuchs Die Welt von Gestern (1942) von Stefan Zweig noch einmal fokussiert und abschließend auf die Werke von Lenka Reinerová und Theodor Balk, Anna Fodorová und Jaroslav Rudiš bezogen. So wurden die drei Phasen zum Abschluss noch einmal miteinander verbunden.
Danach wurde das Mittagessen gemeinsam in der Mensa der Universität Augsburg eingenommen. Die Studierenden hatten am Nachmittag Zeit, Augsburg auf eigene Initiative zu erkunden und noch unbekannte Orte zu entdecken.
Der Abschluss der Exkursion bildete ein gemeinsames Abendessen, an dem alle Studierenden und die Dozentinnen teilnahmen.
Der Dienstag stand im Zeichen der Abreise der tschechischen und französischen Gruppe.
Im Anschluss an das Exkursionswochenende wird durch einen professionellen Cutter der Film final erstellt. Er wird auf den Universitäts-Homepages der drei an dem Projekt beteiligten Professuren eingestellt sowie über YouTube öffentlich abzurufen sein.
Der Bericht wurde erstellt von Moritz Vinke.
Das Projekt wird durch das Deutsch-Französische Jugendwerk und die Gesellschaft der Freunde der Hochschulen in Augsburg gefördert, sowie von der Deutsch-Tschechische Gesellschaft Augsburg und Schwaben e. V.