Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement

Gerade in Zeiten des gesellschaftlichen Wandels, in Zeiten der Globalisierung und Medialisierung zeigt sich, dass insbesondere der Literatur und dem Theater eine herausgehobene Stellung zukommt. Sie (er)finden neue Ausdrucksformen, definieren ihren Raum in der Gesellschaft neu, regen zur Reflexion an und leisten gegebenenfalls Widerstand. In Abgrenzung zur sog. politischen Literatur der 1960er und 70er Jahre legt die gegenwärtige Literatur ihren Fokus stärker auf die Reflexion von Normen und Werten, statt moralische Ansprüche zu generieren. Hier zeigt sich vor allem ihre ethische Relevanz. Auch das Theater als ehemals ‚moralische Anstalt‘ findet neue Formen der gesellschaftlichen Teilhabe.

 

Damit einher geht der Befund, dass der Begriff des Engagements in der gegenwärtigen Literatur und Kultur wieder eine herausgehobene Rolle spielt. Dies zeigt sich auch an der regen Anteilnahme, die zeitgenössische Autorinnen und Autoren, Künstlerinnen und Künstler am gesellschaftlichen Diskurs nehmen. Flankiert wird dieser Befund von der Beobachtung, dass auch der wissenschaftliche Diskurs die politische Literatur und Kunst wieder stärker in seinen Blick nimmt. Auf diese Beobachtungen reagieren die Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement, indem die Diskussionen fundiert, gebündelt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

 

In enger Kooperation mit dem Friedensbüro Augsburg und dem Sensemble Theater werden einmal im Jahr Autorinnen und Autoren, Kulturschaffende und Studierende eingeladen, um über Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe zu diskutieren. Unter einem jährlich wechselnden, aktuellen Motto wird in geschlossener Runde und im öffentlichen Gespräch darüber diskutiert, wie sich soziale Wirklichkeiten verändern und wie sich Literatur und Theater dazu stellen kann.

Aktuelles zu den Gesprächen

Termin der Augsburger Gespräche:              19.10.2020 bis 21.10.2020

 

Thema:                                                          Ritual (nähere Informationen siehe weiter unten)

Interviews mit Künstler*innen der Augsburger Gespräche

© Fotografin: Agnesh Pakozdi

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Susanne Heinrich wurde 1985 bei Leipzig geboren. Sie verfasste schon in ihrer Schulzeit literarische Texte und studierte zeitweise am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Zwischen 2005 und 2011 erhielt sie Aufenthalts-Stipendien in Berlin, Los Angeles und der Villa Massimo in Rom. In diesen Jahren veröffentliche sie zwei Romane und zwei Bände Erzählungen.
Ab 2012 studiert sie Regie an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Mit Das melancholische Mädchen erschien 2019 ihr erster Film, der von der Kritik vielfach begeistert aufgenommen wurde und bisher mit dem Max-Ophüls-Preis und dem Drei-Länder-Filmpreis der Sächsischen Kunstministerin für den besten Spielfilm ausgezeichnet wurde.

Stefan Kaegi

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“Rimini Protokoll” nennt sich das Berliner Label, das Stefan Kaegi zusammen mit Helgard Haug und Daniel Wetzel im Jahr 2000 gegründet hat. Ziel des Regietrios ist es, die Realität aufzubrechen, um sie auf verschiedenste Weise neu zu präsentieren und auf die Bühne zu bringen. Kaegi inszeniert diese Facetten der Wirklichkeit in dokumentarischen Theaterstücken, Hörspielen und Stadtrauminszenierungen auf internationalem Raum und erhält dafür gemeinsam mit seinen Kollegen des “Rimini Protokolls” zahlreiche Auszeichnungen.

Im Juli 2019 nahm Stefan Kaegi an den “Augsburger Gesprächen zu Literatur und Engagement” im Rahmen des Augsburger Friedensfestes teil, das in diesem Jahr unter dem Thema “Freiheit” stand. Dieses Gespräch soll nun mit “Schau ins Blau” über Gegenstand, Freiheit und Engagement des Theaters fortgeführt werden.

© Ekko von Schwichow

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Ein halbes Jahr nach den Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement  – spricht Schau ins Blau erneut mit einem der Teilnehmenden, dem Autor Jonas Lüscher. Der gebürtige Schweizer Schriftsteller wurde durch seine vielfach ausgezeichneten Texte "Frühling der Barbaren" (Novelle) und "Kraft" (Roman) bekannt und organisierte darüber hinaus öffentlichkeitswirksame Demonstrationen unter dem Motto ‚In ganz Europa. Für ein solidarisches Europa.‘ am 13. Oktober 2018. Neben den Themen Utopie, Engagement und Essay thematisiert das Interview auch die Bedeutung der Augsburger Gespräche, die Rolle der Literatur sowie die Aufgaben des Schreibenden.

2020 – Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement

 

 

 

Ritual
Augsburger Friedensfest 2020

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

© Universität Augsburg

 

 

Hier der Flyer zum Download: Gespräche zu Literatur und Engagement 2020

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

„Der ist nicht fremd, wer teilzunehmen weiß“

 

Gerade die ausdifferenzierte und transnationale Gesellschaft scheint das Ritual als Möglichkeit eines kollektiven wie individuellen Sinnstiftungsprozesses wieder zu entdecken. Dabei sind Rituale offenbar ein wichtiges Element des Zusammenlebens und zeichnen sich durch immer wiederkehrende Abläufe aus. Es gibt sie in allen Kulturen; sie sind oft identitätsstiftend und tragen so zur Stabilisierung einer Gesellschaft oder Gruppe bei. Folgt man dem Ethnologen und Soziologen Emile Durkheim, sind sie aus dem menschlichen Grundbedürfnis nach Gemeinschaft entstanden. Meist haben sie symbolischen Gehalt, stärken Identität und Selbstbewusstsein, geben Sicherheit und können bei der Bewältigung von Krisen helfen.

 

Wenn nun das Ritual eine Form von Zugehörigkeit ausdrückt, wie verhält es sich dann mit dem Ritual in transkulturellen Gesellschaften, wie wirkt sich die Begegnung zwischen Fremd und Eigen auf die Praxis des Rituals aus? Entstehen neue Ausprägungen der Rituale, werden diese vor dem Hintergrund des Fremden reflektiert oder neu geformt? Und liegt diese Reflexion nicht sogar in der Verantwortung jedes Einzelnen, der ein Ritual ausübt? Denn ohne diese Reflexion besteht die Gefahr von starrer Regelhaftigkeit und normativer Gewalt. Eine Kehrseite des Rituals, die immer mitgedacht werden muss, denn anhand von Ritualen können sich nicht selten auch Machtdemonstrationen, Unterdrückung und Ausgrenzung artikulieren. So gesehen hat das Ritual auch eine große politische Bedeutsamkeit; die Teilhabe an bestimmten Ritualen entscheidet darüber, wer zu einer Gesellschaft oder kulturellen Gemeinschaft dazugehört und wer nicht.

 

Ein wichtiges Element des Rituals ist darüber hinaus seine Sichtbarkeit und Wahrnehmbarkeit und nicht zuletzt seine Ästhetik. Rituale sind Inszenierungen, Performances, brauchen Akteure, oft auch das Publikum. Sie folgen einer bestimmten Choreographie, an der sich Personen direkt oder als Zuschauer*innen beteiligen, so gesehen sind sie kulturelle Aufführungen. Eine zentrale Rolle spielt häufig die sprachliche Ausgestaltung dieser Aufführungspraktiken, denn sprachliche Äußerungen haben im Kontext von Ritualen häufig einen performativen Charakter. Inwiefern können aber auch Texte die Funktion von Ritualspeichern übernehmen und welchen Anteil haben sie dann an den Erinnerungskulturen und schließlich, kann vielleicht auch der Akt des Schreibens als eine Form des Rituals verstanden werden und somit als eine Form des ‚eingreifenden Denkens‘? Wo sind die Grenzen zwischen Kult und Ritual zu ziehen und vor allem welche Rolle spielen die Künste, die Literatur und das Theater bei der Inszenierung, Reflexion und Speicherung von Ritualen?

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

Das Video zu den Gesprächen

 

Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement #Rituale (https://youtu.be/YFPGgGEMvEk)

 

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

Pressemeldungen

 

2019 – Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement

 

 

 

# Freiheit
Augsburger Friedensfest 2019

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

 

© Universität Augsburg
© Universität Augsburg

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

Freiheit

 

Der Begriff der Freiheit hat eine lange philosophische Tradition, seine Aktualität ist aber gerade in Zeiten von Globalisierung, Terror, Flüchtlingswellen und Zensur so virulent wie nie.

In einer Gesellschaft, die die Freiheit scheinbar als einen ihrer Grundwerte in Anspruch nimmt, in einer Gesellschaft, die ihre Verfassung immer noch auf der Trias Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aufbaut, verwundert es umso mehr, wie fragil doch Konzepte der Freiheit letztlich sind und wie umstritten ihre Ausübung ist.

Freiheit verstanden sowohl in gesellschafts-politischer Hinsicht, aber auch Freiheit verstanden als ästhetische Kategorie. Wieviel Freiheit verträgt eine Gesellschaft, eine Demokratie, gerade in Zeiten von Terror und Rechtspopulismus? Wo sind die Grenzen der Freiheit zu ziehen? Wie bedroht ist die Freiheit durch Sicherheitswahn und Überwachungsmaschinerien? Wie gestaltet sich Freiheit in Zeiten von Flucht und Migration und ist Freiheit nicht letztlich auch kultur- und religionsabhängig? Also Freiheit nicht als Grundwert des Menschen, sondern als kulturell determinierter Wert oder gar als Produkt einer Verhandlung? Wie sieht das Verhältnis von Macht und Freiheit aus und schließlich, ist Freiheit unter diesen Voraussetzungen nicht vielmehr eine Praxis, statt eines unumstößlichen Wertes? Bei all diesen Überlegungen kann Freiheit aber vielleicht nicht ohne Verantwortung gedacht werden, denn schon Sartre sah den Menschen als zur Freiheit verurteilt, als Entscheidungsträger zwischen gut und böse. Ist Freiheit also nicht ohne die ethische Verantwortung zu haben und muss man dann nicht allererst über das Subjekt nachdenken, das diese Verantwortung übernimmt?

Folgt man dem französischen Philosophen Michel Foucault, der sich mit seinem Konzept der parrhesia auf die Antike bezieht, vollzieht sich die Freiheit im Akt des Wahrsprechens. Dabei geht es nicht um die Wahrheit als moralischen Wert, sondern vielmehr um die Verpflichtung des Sprechenden zur ‚freimütigen Rede`. Und dafür, so wusste schon Perikles, ist Mut unabdingbar, der das eigentliche Geheimnis der Freiheit zu sein scheint. Und wo sonst, wenn nicht in der Kunst und Literatur könnte ein solcher Ort der freimütigen Rede sein? Wie dieser im 21. Jahrhundert aussehen könnte und welche Rolle dabei die unterschiedlichen Gattungen und Aufführungspraktiken spielen, von der Literatur, über die Musik bis hin zum Theater, das soll vom 28. bis 30. Juli 2019 in Augsburg diskutiert werden.

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

Pressemeldungen

 

2018 – Augsburger Gespräche zu Literatur und Engagement

 

 

 

Utopie: Was wäre, wenn…?
Augsburger Friedensfest 2018

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

 

© Universität Augsburg
© Universität Augsburg

 

                                                                                                                                                                                                                                                             

 

 

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