Louisa Kunze
Louisa Kunze, M.A.
Doktorandin
DISSERTATIONSPROJEKT
Arbeitstitel: Von bösen Blumen zum Sad Girl. Transatlantische Bewegungen der literarischen Décadence
Erstbetreuer: Prof. Dr. Matthias Löwe
Projektskizze:
Das Projekt beobachtet im gegenwärtigen transatlantischen Raum aktualisierte Erscheinungsformen der literarischen Décadence wie den ‚Sad Girl‘-Trend, der traditionelle Semantiken für die Darstellung weiblicher Vulnerabilität nutzt: etwa wenn die US-amerikanische Pop-Ikone Lana Del Rey „I’m pretty when I cry” singt, in den sozialen Medien Tutorials für das ‚Crying Girl Make-up‘ geteilt werden oder Erzählungen von weiblichem Weltschmerz und Eskapismus wie Ottessa Moshfeghs Roman My Year of Rest and Relaxation (2018) Hochkonjunktur feiern.
Verwendungsweisen wie diese beweisen zum einen das Transformationspotential des Konzepts, als Diskursschablone erweitert zu werden: so kann der Sad Girl-Topos auch als Selbstermächtigungspraxis eines weißen Feminismus gelesen werden, die die historische Pathologisierung weiblicher Melancholie und das Gefühlsregelwerk der neoliberalen Agenda kontert sowie dem rechten Spektrum entspringende Kulturkritik, die Décadence mit Schwäche gleichsetzt, in ihrer Affirmation entkräftigt. Zum anderen aber bedeuten moderne Verwendungsweisen ganz grundsätzlich auch, dass sich die Décadence weit über ihre Wurzeln im Europa des 19. Jahrhunderts hinausbewegt hat.
Neben der Untersuchung dieser Traditionslinien und Zirkulation im transatlantischen Raum bis in die Gegenwart hinein möchte das Projekt unmittelbar eine zweite Forschungslücke schließen, indem es erstmalig in zusammenhängender Darstellung Manifestationen der Décadence in den USA und Kanada abbildet, seit das Konzept durch Charles Baudelaire in seiner Rezeption des US-amerikanischen Schauerliteraten Edgar Allan Poe (Notes nouvelles sur Edgar Poe (1857)) ästhetisch aufgewertet wurde.