Sprachlich-institutionelle Anforderungen, Akkulturation und Identitätskonstruktion erwachsener Deutschlernender

Verordnete Angemessenheit:

Sprachlich-institutionelle Anforderungen, Akkulturation und Identitätskonstruktion erwachsener Deutschlernender

Eine empirisch-didaktische Studie zur Entwicklung von SIBOR

 

Habilitationsprojekt von Eva Sondershaus 

Betreuer: Prof. Dr. Alfred Wildfeuer 

 

Es ist eine Übersicht vom Forschungspfad vom institutionell gerahmten Spracherwerb hin zur Entwicklung des SIBOR zu sehen.
© Universität Augsburg

 

Die Abbildung expliziert den Forschungspfad vom institutionell gerahmten Spracherwerb hin zur Entwicklung des SIBOR (Sprachlich-Institutionelles Bearbeitungs- und Orientierungsraster). Integrationskurse fungieren als spezifische Erwerbsräume, in denen Curricula, Lehrwerke, standardisierte Prüfungsformate und administrative Regularien in einer synergetischen Struktur zusammenwirken. Sprachliche Formen werden in diesem Kontext simultan als Lerngegenstände und als präkonditionale Voraussetzungen institutioneller Anschlussfähigkeit konstituiert. Die Teilnehmenden agieren folglich in einem Spannungsfeld sprachlich-institutioneller Anforderungen, die durch Erwartungen an Standardnähe, Registervarianz, kommunikative Effizienz sowie situationsspezifische Angemessenheit markiert sind.

  1. Theoretischer Rahmen
Die theoretische Triangulation des Forschungsvorhabens verschränkt folgende Diskurslinien:
  • Variationslinguistik: Sprache wird als mehrdimensionales, sozial, regional und situativ differenziertes System aus Varietäten, Registern und Gebrauchsweisen bestimmt. Sprachliche Formen erhalten ihren kommunikativen Wert erst innerhalb konkreter sozialer und institutioneller Kontexte (Ammon, 1995; Coseriu, 1970; Labov, 1972; Wildfeuer, 2021).
  • Pragmatische Sprachwissenschaft: Sprachkompetenz umfasst nicht nur die Verfügbarkeit sprachlicher Mittel, sondern deren adressaten-, situations- und handlungsbezogene Verwendung. Entscheidend ist somit die funktionale Passung sprachlicher Ressourcen im jeweiligen Kommunikationszusammenhang (Kasper & Rose, 2002).
  • Sprache, Macht und Institution: Kritische Ansätze untersuchen, wie institutionelle Bewertungsordnungen bestimmte Sprachformen als legitim, bildungsnah oder korrekt markieren und andere als defizitär oder unangemessen abwerten. Solche Prozesse betreffen zugleich den Zugang zu anerkannten Sprecherpositionen und können Formen epistemischer Ungerechtigkeit erzeugen (Blommaert, 2010; Bourdieu, 1991; Cushing, 2021; Flores & Rosa, 2015; Fricker, 2007).
  • Kognitive Sprachdidaktik: Spracherwerb wird als konstruktiver Prozess verstanden, in welchem neue sprachliche Anforderungen auf der Grundlage vorhandener Wissens-, Wahrnehmungs- und Erfahrungssysteme verarbeitet und reorganisiert werden (Roche, 2013; Roche & Suñer, 2014).
Daraus deduziert das Projekt die Annahme, dass die Wirkung normativer sprachlicher Anforderungen nicht unidirektional aus ihrer Form resultiert, sondern durch den Prozess der individuellen Wahrnehmung, Semantisierung und Bearbeitung seitens der Lernenden vermittelt wird.
  1. Empirisches Vorgehen und Typologie
Im Fokus der Untersuchung steht die Frage, wie sprachlich-institutionelle Anforderungen Prozesse der sprachlichen Akkulturation und Identitätskonstruktion moderieren.      
Basierend auf einer rekonstruktiven Auswertung nach der Grounded Theory Methodology wurden implizite Bearbeitungslogiken identifiziert. Die Analyse mündet in einer Typologie, die drei dominante Bearbeitungsmodi differenziert:
  • Rückzug: Limitation der sprachlichen Exponierung, Partizipation und Sichtbarkeit im institutionellen Kontext.
  • Anpassung: Strikte Orientierung an normativen institutionellen Erwartungen und formaler Normerfüllung.
  • Aneignung: Aktive, strategische Rekonfiguration sprachlicher und institutioneller Ressourcen zur Erweiterung der eigenen Agency.
  1. Didaktische Operationalisierung von SIBOR
Das Sprachlich-Institutionelle Bearbeitungs- und Orientierungsraster (SIBOR) transformiert diese Ergebnisse in ein professionelles Reflexionsinstrument. Es integriert fünf Ebenen: (1) SprecherInnenposition und Sprachideologie, (2) institutionelle Anforderung und Interaktion, (3) empirisch rekonstruierte Bearbeitungsform, (4) beobachtbare Orientierung sowie (5) didaktische Reflexion.
SIBOR dient der Strukturierung professioneller Deutungsprozesse in der Lehrerbildung und Lehrwerksanalyse, ohne jedoch als Typendiagnostik im Sinne einer Stigmatisierung zu fungieren. Vielmehr ermöglicht es eine differenzierte Analyse von Unterrichtssituationen, indem beobachtbare Phänomene – etwa Schweigen oder Registerwechsel – nicht als defizitäre Einzelleistungen, sondern als relationale Ergebnisse zwischen sprachlicher Anforderung, institutioneller Konstellation und individueller Bearbeitungslogik begriffen werden.
 

Infobox

Begriff
Konzeptuelle Ausrichtung
Zentrale Referenzen
Sprachliche Angemessenheit
Relation von Norm, situativer Validität und sozialer Anerkennung.
Bourdieu (1991); Wildfeuer (2020); García & Li Wei (2014)
Bearbeitungslogik
Rekonstruktive Erfassung subjektiver Sinnkonstruktionen im institutionellen Kontext.
Roche & Suñer (2014); Bohnsack (2021)
Akkulturation
Partizipationsdynamik im Spannungsfeld von Identität und exogenen Erwartungen.
Mecheril (2003); Roche (2023); Dirim (2020)
Institutionelle Macht
Epistemische Ungerechtigkeit und diskursive Exklusionsmechanismen.
Wildfeuer (2023); Blommaert (2010); Flores & Rosa (2015)
Variabilität
Dynamische Sprachrepertoires und kognitive Verarbeitungsprozesse in superdiversen Räumen.
Roche & Suñer (2022); Vertovec (2022)

 

Informationen zu Eva Sondershaus

Publikationen: 

 

Lehre: 

Lehrbeauftragte an der Universität Augsburg, Professur für Variationslinguistik und DaZ/DaF

 

 

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