Infrastruktur
Der asphaltierte Planet (Prof. Dr. Simone M. Müller)
Diese globale Umweltgeschichte der Automobilität, des Klimawandels und der Mensch-Umwelt Beziehungen nimmt ihren Anfang mit kaputten Straßen. Ausgehend von Schlaglöchern, Rissen, Spalten oder Unterspülungen im Alaska Highway, auf Staubpisten der Trans-Afrika-Autobahn, auf Küstenstraßen pazifischer Inseln oder auf städtischen Wegen untersucht das Projekt, wie Menschen mit langsamen, aber wiederkehrenden Veränderungen der Infrastruktur umgingen, die sowohl durch Veränderungen des Wetters als auch – im Laufe des 20. Jahrhunderts in zunehmendem Maße – durch Veränderungen des Klimas hervorgerufen wurden.
Indem ich Vertikalität als analytische Perspektive einführe, lese ich Straßenkorridore als semipermeable Membran zwischen ober- und unterirdischem Raum sowie als umwelttechnisches System, das die (historische) Gegenwart mit einer erwarteten Zukunft verbindet. „Asphalt Skin. Caring for broken Roads in the Anthropocene“ ist eine Möglichkeit, den Blick vom planetarischen Blickwinkel des Anthropozäns zu verengen, um die grundlegenden Veränderungen in den Beziehungen zwischen Mensch und Umwelt anhand eines konkreten Settings zu verstehen.
A River, Wild and Untamed (Dr. Andreas Mentrup-Womelsdorf)
Der Hoover-Damm am Colorado, der Bonneville-Damm am Columbia River oder die Niagara-Wasserfälle künden alle vom Gestaltungswillen hochindustrieller Energiegesellschaften in den USA und Kanada im 20. Jahrhundert. Im Gegensatz aber zu den Wasserbauprojekten an gewaltigen Strömen wie dem Mississippi erscheint der Yukon River wild und ungezähmt. Kein einziger Staudamm von der Größenordnung eines Hoover-Damms versperrt dem Lachs am Yukon seinen Weg von der Beringstraße zu den Laichplätzen am Oberlauf – oder trügt dieser Schein?
Dieses Forschungsprojekt setzt sich mit Planungen in den späten 1940er- bis 1960er-Jahren auseinander, die von der baulich-technischen ,Umleitung‘ des Yukon River bis in die Wüstenregionen der südlichen USA träumten oder vom Bau gigantischer Staudammanlagen zum Zwecke der Energie- und Industrieproduktion. Welche Auswirkungen hatten diese Pläne, die allesamt unverwirklicht blieben, auf die tatsächliche Installation von Staudämmen in der Region? In welcher Verbindung stehen die Planungen zur Außen-, Wirtschafts- und Umweltpolitik in den USA und Kanada? Ich betrachte diese Infrastrukturvorhaben in Verbindung zu Ressourcenextraktion und eines sich verändernden Verständnisses von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft in den späten 1950er-Jahren. ,Wildnis‘ wird in den 1960er-Jahren ebenso zu einer Ressource wie Gold, Silber, Kupfer, Asbest, Fisch oder Trophäen, die seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert in der Region gewonnen wurden.
Unbuilding (Dr. Maximilian Mai Pieper)
In my postdoc, I aim to investigate societal processes of “unbuilding” – a term that encapsulates processes of unbuilding infrastructures but also institutions or individual behavioral patterns. What unifies these diverse arenas is the peculiar shift from the modernist outlook towards a fundamentally open future with the potential to be better than the past towards an understanding of future as something that is blocked through the path dependencies of what has been built in the present – be that the expected emissions of coal power plants running for another decade, the perceived slowness of democratic institutions or the internalized productivity demands of a society built around work. What I am interested in here is not only the understanding of the future being blocked by the sediments of the past but more importantly how unbuilding plays out as a counter strategy to such a blocked future and is enacted through material infrastructure, institutions and individual practice.
The process of unbuilding fundamentally challenges modernist understandings of continued progress and linear time. It opens up questions on the possibility of reversing ecological damage while also shining a light on conflicts and power dynamics that generally tend to be overlooked. The key questions will be: Can the past be unbuilt? To what extent? And who has the resources to do so.
From City Waste to Zero Waste (Regina Bichler, MS)
“Zero Waste” hat sich im 21. Jahrhundert weltweit zu einem beliebten Motto kommunaler Müllreduzierungskampagnen entwickelt. Dabei handelt es sich nicht nur um ein umstrittenes Konzept, sondern auch das erklärte Ziel einer wachsenden Zahl deutscher Städte, wie Kiel und München. Doch obwohl diese lokale Strategien für Zero Waste ausgearbeitet haben, bleibt unklar, wie sie ihre Ziele in der Praxis erreichen können—insbesondere, wenn die Bürger*innen die Hauptlast schultern sollen, indem sie ihre Konsum- und Entsorgungspraktiken ändern. Denn internationale Beispiele mit vergleichbaren Maßnahmen und langfristigem Erfolg sind rar.
Das Promotionsprojekt „From city waste to Zero Waste” untersucht lokale Strategien kommunaler Müllreduzierung mithilfe von zwei Fallstudien aus Japan: Die frühe Zero Waste Town Kamikatsu, die sich bereits 2003 etabliert hat, und die Touristenmetropole Kyoto City, welche zu den japanischen Großstädten mit dem niedrigsten Abfallaufkommen zählt. Anhand der Praxistheorie analysiert das Projekt aus soziologischer Perspektive wie diese Gemeinden, die sich als langfristig erfolgreich in der Müllreduzierung behauptet haben, die sozialen Praktiken ihrer Bürger*innen transformieren konnten. Weiterhin zielt es darauf ab sowohl die lokalen als auch strukturellen Schwierigkeiten zu identifizieren, mit denen gegen Müll engagierte Menschen und Organisationen in ihren Aktivitäten konfrontiert sind.