Synkretismus auf Textil. Zur Ikonografie eines jüdischen Geburtsamuletts aus dem Iran um 1900 (Franziska Marx B.A.)
Franziska Marx (B.A.)
Synkretismus auf Textil. Zur Ikonografie eines jüdischen Geburtsamuletts aus dem Iran um 1900
Lilith (hebr. לילית ) gilt als dämonische Bedrohung für Wöchnerinnen und Neugeborene. Nebukadnezar fragt den Weisen Ben Sira, warum so viele Jungen am achten Tag sterben. Er antwortet: „Lilith tötet sie, und nachdem sie sie getötet hat, gibt es für sie keine Besserung.“ Geburtsamulette sollen diese Gefahr bannen und gehören zum Lebensumfeld von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett im Judentum.
Die Arbeit befasst sich mit einem jüdischen Geburtsamulett aus dem Iran, das zur Abwehr von Lilith eingesetzt wurde. Das textile Amulett aus der Bill Gross Collection zeigt ein reichhaltiges Bildprogramm aus 12 Segmenten, dessen ikonographische Umsetzung – so die These – auf islamische, zoroastrische und jüdische Bildtraditionen zurückgreift. Neben den ikonographischen Anleihen aus heterogenen visuellen Kulturen, ist ebenso die figürliche Einbindung der Figur Lilith sowie die textile Ausgestaltung des Objekts als Ausdruck synkretischer Aushandlungsprozesse zu verargumentieren. Die Analyse stützt sich auf ausgewählte Vorlagenbücher der persisch-jüdischen Magietradition, religiöse Quellen zur Legitimierung und Anleitung des Schutzes gegen Lilith sowie vergleichendes islamisches und jüdisches Bildmaterial. Ziel der Untersuchung ist es, das Amulett als Zeugnis eines visuellen Transfers zwischen Islam und Judentum zu erschließen und dabei materielle Kultur sowie Magie als Schnittstellen religiöser Interaktion zu begreifen. (betreut durch Prof. Dr. Andrea Gottdang)