„Creole Studies in Motion“ (Workshop in prelude to the ACBLPE)

Augsburg, 7.9.2022 (all day) und 8.9.2022 (in the morning)

 

Der Workshop „Creole studies in motion“ soll im zeitlichen Zusammenhang mit der Jahrestagung der Associação de Crioulos de Base Lexical Portuguesa e Espanhola (ACBLPE) stattfinden. Es handelt sich dabei jedoch um inhaltlich und organisatorisch eigenständige Veranstaltungen: Die ACBLPE ist spezifisch auf iberoromanisch-basierte Kreolsprachen ausgerichtet und soll zudem die Möglichkeit bieten, über verschiedene ‚Kontinuitäten‘ in der iberoromanischen Sprachkontaktforschung zu diskutieren. Der Workshop „Creole studies in motion“ soll dagegen ausschließlich in der Kreolistik angesiedelt sein, dabei aber die gesamte Kreolistik abdecken, also insbesondere auch französisch-, deutsch- und englischbasierte sowie weitere Kreolsprachen einbeziehen.

 

Unser Workshop zielt darauf ab, europäische KreolistInnen (darunter die, die im deutschsprachigen Raum arbeiten) zusammenzubringen, um künftige Netzwerke für den Austausch in der Kreolistik als relevante Disziplin in Europa zu schaffen und gleichzeitig nach Wegen zu suchen, den klassischen Eurozentrismus der Disziplin aufzubrechen.

 

Unser Workshop soll etablierte und Nachwuchswissenschaftlicher*innen mit einem Schwerpunkt in der Erforschung von Kreolsprachen disziplinenübergreifend zusammenbringen. Kreolsprachen sind i.d.R. ab dem 16. Jahrhundert in europäischen Kolonien im Kontakt europäischer, indigener und/oder afrikanischer Bevölkerungsteile entstanden und spiegeln deren komplexe sprachliche und kulturelle Verflechtung wider. Bis heute werden Kreolsprachen in der Sprachwissenschaft jedoch nach ihrer sog. Lexifier-Sprache eingeteilt, d.h. derjenigen europäischen Kolonialsprache, aus der der Großteil des Wortschatzes der jeweiligen Kreolsprache stammt. Parallel dazu werden kreolistische Forschung und Lehre in Europa bis heute vorwiegend als Zweige der Romanistik (französische, spanische und portugiesische Kreolsprachen), Anglistik (englische Kreolsprachen) oder Germanistik (deutsche Kreolsprachen), d.h. im Rahmen der Philologien europäischer Sprachen betrieben. Vor diesem Hintergrund verfolgt unser Workshop die folgenden übergeordneten Ziele:

  1. die seit der Entstehung der europäischen Kreolistik als wissenschaftliche Disziplin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wirksame institutionelle Trennung nach akademischen Fächern zu überwinden und
  2. konkrete interdisziplinäre Kooperationsmöglichkeiten für die (Weiter-)Entwicklung der Disziplin im Hinblick auf den weltweiten Forschungskontext auszuloten.

Damit steht im Mittelpunkt unseres Workshops die Frage, welche Potentiale die deutsche und europäische Kreolistik mitbringt, d.h. wo die wichtigsten Arbeitsschwerpunkte und Beiträge zur kreolistischen Forschung liegen. Damit verknüpft ist die Überlegung, wie die europäische Kreolistik in den weltweiten Forschungskontext eingebunden sein soll. Es gilt dabei insbesondere zu diskutieren, wie die Festigung von globalen Nord-Süd-Hierarchien zu vermeiden ist und wo auch vor dem Hintergrund der Fachgeschichte und der weiterbestehenden Ungleichheit von Forschungsressourcen die besondere Verantwortung der europäischen Kreolistik liegt. Der Titel des Workshops „Creole studies in motion“ spricht demnach die erwünschte und mögliche Entwicklung des Faches in der nahen Zukunft an: In welche Richtung bewegt sich das Forschungsfeld inhaltlich und epistemologisch? Wo entstehen neue Dynamiken durch bessere Vernetzung? Wie können sich die kreolistisch arbeitenden Forschungszweige in Europa aufeinander zubewegen? Welche Position nimmt die europäische Kreolistik ein im Verhältnis zur lokalen Forschung in kreolsprachigen Gesellschaften?

 

Auf inhaltlicher Ebene soll der Workshop in drei konkreten Bereichen Kräfte bündeln – Grammatik/Pragmatik, Soziolinguistik/Variation und „von der Feldforschung zur Datenbank“ – , die als Themenblöcke mit Impulsvorträgen und Fachdiskussionen sowie Zeit für die Entwicklung erster Ideen für gemeinsame Forschungskooperationen geplant sind. Den ersten beiden Themenblöcken ist gemeinsam, dass ihnen ein genereller Paradigmen-wechsel in der Sprachwissenschaft zugrunde liegt, demgemäß ‚Sprache‘ immer weniger als ein monolithisches ‚System‘ sondern vielmehr als inhärent dynamisch und veränderbar verstanden wird. Dies erscheint gerade für die Auseinandersetzung mit sog. high contact languages wie den Kreolsprachen sowohl im Hinblick auf die Erforschung ihrer Entstehung als auch ihrer aktuellen Konstitution und Verwendung in mehrsprachigen Gesellschaften hochrelevant. Dieser linguistische Paradigmenwechsel spiegelt sich zum einen in gebrauchsbasierten (z.B. konstruktionsgrammatischen) und kommunikationsorientierten Ansätzen, die einen holistischen Zugang zu Mehrsprachigkeit propagieren und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten wie statistischem Lernen, Kategorisierung und Schematisierung sowie dem Zusammenspiel von Ökonomie und Expressivität in der Sprachverarbeitung eine zentrale Rolle für die Ausbildung sprachlicher Strukturen zusprechen (Backus 2014; Filipović/Hawkins 2018; Zenner et al. 2019; Boas/Höder 2021). Zum anderen werden auch von Seiten sozio- und varietätenlinguistischer Ansätze statische Sprachkonzepte im Sinne von named languages zunehmend kritisiert und alternative Konzepte wie individuelle sprachliche ‚Repertoires‘ (Blommaert 2010: 102-136) oder Phänomene des translanguaging (Wei 2018) vorgeschlagen. Ebenso rückt die Kontextabhängigkeit von Sprache und Sprachgebrauch, etwa im Sinne von dynamischen pratiques langagières (Léglise 2018), noch stärker in den Vordergrund. Die genannten Ansätze erfordern schließlich auch spezifische Datengrundlagen für die kreolistische Forschung: Während gebrauchsbasierte Frequenz- und Produktivitätsanalysen auf großen Datenmengen beruhen, stellen moderne soziolinguistische Ansätze hohe Anforderungen an eine feingliedrige Transkription und Enkodierung mehrsprachiger Diskurse. Da derartige Datensätze bislang nur in Ansätzen und bei weitem nicht für alle Kreolsprachen vorliegen, widmet sich der dritte innerhalb des Workshops geplante Themenbereich den Möglichkeiten der Vernetzung und des Ausbaus kollaborativer kreolistischer Forschungsdaten(banken).

 

Organisationsteam:

Philipp Krämer (FU Berlin)

Evelyn Wiesinger (Universität Tübingen)

Miguel Gutiérrez Maté (Universität Augsburg)

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