Italienische Coverversionen als Form sprachlicher Adaptation: Vortrag von Dr. Stefano Miani auf der Society for Italian Studies Biennial Conference 2026
Mit einem Vortrag zu italienischen Coverversionen als Form sprachlicher Adaptation präsentierte Dr. Stefano Miani, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Daniela Pietrini), seine aktuelle Forschung auf der Society for Italian Studies Biennial Conference 2026, die vom 9. bis 11. Juli am University College Dublin und am Trinity College Dublin stattfand. Die renommierte internationale Tagung zählt zu den wichtigsten Foren der Italian Studies im englischsprachigen Raum und bringt Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammen, die sich mit Sprache, Literatur und Kultur Italiens beschäftigen. Unter dem Titel „E chi se ne frega: le cover italiane di canzoni inglesi“ (Italienische Coverversionen englischsprachiger Lieder) widmete sich Stefano Miani den sogenannten Coverversionen, verstanden als Neuinterpretationen bekannter Musikstücke mit neuen Arrangements. Im Mittelpunkt standen Lieder nicht italienischen Ursprungs, deren Übertragung ins Italienische nicht als bloße Übersetzung, sondern als besondere Form der Neuschreibung, Adaptation und Transposition eines bereits bestehenden Textes untersucht wurde. Ziel des Vortrags war es, die unterschiedlichen Strategien und Ergebnisse dieser sprachlichen Übertragungsprozesse zu analysieren und ihre sprachwissenschaftliche Relevanz herauszuarbeiten. Ausgehend von einem historischen Überblick zeigte der Vortrag zunächst, wie eng sprachliche Adaptationsprozesse mit kulturpolitischen Entwicklungen verknüpft sein können. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei der Sprachpolitik des Faschismus, dessen Ablehnung des Jazz als bedeutendster musikalischer Innovation der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht nur zur Italianisierung von Liedtiteln und Texten führte, sondern sogar Künstlernamen erfasste. So wurde aus St. Louis Blues die Tristezza di San Luigi, während Louis Armstrong als Luigi Braccioforte italienisiert wurde, ein ebenso aufschlussreiches wie heute befremdlich wirkendes Beispiel für den Versuch, sprachliche und kulturelle Fremdheit systematisch zu neutralisieren. Im Zentrum der Analyse standen anschließend die unterschiedlichen Verfahren der Übertragung englischsprachiger Songtexte ins Italienische. Das Spektrum reicht von vollständigen Neuschöpfungen wie Pregherò, das musikalisch auf Stand by Me basiert, dessen Text jedoch vollständig neu konzipiert wurde, bis hin zu möglichst originalgetreuen Übertragungen wie Cime tempestose, der italienischen Version von Kate Bushs Wuthering Heights. Dazwischen stehen hybride Lösungen wie Marco Masinis E chi se ne frega, eine italienische Bearbeitung von Metallicas Nothing Else Matters, deren ironisch zugespitzter Titel zugleich den Ausgangspunkt der sprachwissenschaftlichen Analyse bildet. Abschließend wurde der Frage nachgegangen, ob der größere oder geringere Gestaltungsspielraum der Textdichter bei der Übertragung englischsprachiger Songs zu ähnlichen oder anderen Ergebnissen führte als bei zeitgenössischen italienischen Originalliedern, die zwar auf musikalischen Strukturen des Blues, Rock oder Jazz beruhen, deren sprachliche Rhythmik jedoch von vornherein auf die Besonderheiten des Italienischen abgestimmt ist. Der Vortrag verdeutlichte, dass italienische Coverversionen weit mehr sind als musikalische Neuaufnahmen und als eigenständige Formen sprachlicher Adaptation einen aufschlussreichen Zugang zu Übersetzungsprozessen, kulturellem Transfer und dem Zusammenspiel von Sprache und Musik eröffnen.