Italienische Sprachwissenschaft im Wintersemester 2026/27: Zwei Seminare und eine gemeinsame Exkursion nach Florenz
Im Wintersemester 2026/27 bietet Prof. Dr. Daniela Pietrini zwei sprachwissenschaftliche Seminare zur Italianistik an, die historische Sprachreflexion mit aktuellen Forschungsfragen verbinden. Das Proseminar „La questione della lingua da Dante ai social network“ nimmt eine Debatte in den Blick, die die italienische Kulturgeschichte über Jahrhunderte begleitet hat, während das Hauptseminar „L’italiano nello spazio pubblico. Introduzione al linguistic landscape“ danach fragt, wie Sprache im öffentlichen Raum sichtbar wird und was sich aus ihrer räumlichen Präsenz über sprachliche wie gesellschaftliche Prozesse erfahren lässt. Beide Seminare finden vollständig in italienischer Sprache statt. Verbunden werden beide Lehrveranstaltungen durch eine gemeinsame fakultative Exkursion nach Florenz, die für Ende November 2026 vorgesehen ist. Florenz bietet für die Fragestellungen beider Seminare einen besonders geeigneten Untersuchungsraum: Für die Beschäftigung mit der questione della lingua ist die Stadt aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für die Geschichte des Italienischen ein zentraler Ort, während sie sich zugleich als vielsprachiger urbaner Raum für eigene Untersuchungen zum linguistic landscape erschließen lässt. Das gemeinsame Exkursionsprogramm soll daher die im Seminar behandelten historischen und gegenwartsbezogenen Perspektiven vor Ort weiterführen.
Was bedeutet es eigentlich, über eine Sprache und ihre „richtige“ Form zu diskutieren, und warum beschäftigt diese Frage Italien seit Jahrhunderten? Das Proseminar „La questione della lingua da Dante ai social network“ setzt bei der besonderen sprachgeschichtlichen Situation Italiens an und untersucht, welche Varietät jeweils als sprachliches Modell angesehen wurde, wie sich Vorstellungen sprachlicher Norm herausbildeten und in welchem Verhältnis diese zum tatsächlichen Sprachgebrauch standen. Ausgangspunkt sind Dantes Überlegungen im „De vulgari eloquentia“, von denen aus die wichtigsten Etappen der questione della lingua über Humanismus und Renaissance bis zur Gründung der Accademia della Crusca verfolgt werden; anschließend führt der Blick über das Risorgimento in die sprachlichen Debatten des gegenwärtigen Italien. Eine besondere Rolle spielt dabei Florenz, dessen sprachliche Bedeutung für die Herausbildung des Italienischen ebenso thematisiert wird wie die Frage, weshalb das Florentinische zu einem zentralen Bezugspunkt der italienischen Sprachgeschichte werden konnte.
Die questione della lingua gehört jedoch keineswegs nur der Vergangenheit an. Viele Fragen, die in unterschiedlichen historischen Konstellationen diskutiert wurden, begegnen uns unter veränderten Bedingungen bis heute, wenn etwa das Verhältnis zwischen Standardsprache und regionalen Varietäten verhandelt wird oder der zunehmende Gebrauch von Anglizismen neue Debatten über Norm und sprachlichen Wandel auslöst. Auch die Kommunikation in sozialen Netzwerken sowie die sprachlichen Auswirkungen neuer Technologien und künstlicher Intelligenz zeigen, dass die Reflexion darüber, wie Italienisch verwendet wird und wie es sich verändern soll oder darf, weiterhin kulturelle und gesellschaftliche Relevanz besitzt.
Einen anderen Zugang zur italienischen Gegenwartssprache eröffnet das Hauptseminar „L’italiano nello spazio pubblico. Introduzione al linguistic landscape“. Ausgangspunkt ist hier das Konzept des linguistic landscape, mit dem die Gesamtheit der im öffentlichen Raum sichtbaren Schriften erfasst wird, von Geschäftsschildern und Straßenschildern über Plakate oder Graffiti bis zu digitalen Displays. Solche sprachlichen Zeichen informieren nicht lediglich, sondern machen sichtbar, welche Sprachen und Varietäten in einem urbanen Raum präsent sind, welchen Status sie besitzen und wie sprachliche Zugehörigkeiten im öffentlichen Raum ausgehandelt werden.
Das Seminar führt zunächst in die theoretische Entwicklung der Linguistic-Landscape-Forschung ein und beschäftigt sich mit ihren methodischen Ansätzen, bevor unterschiedliche Formen öffentlich sichtbarer Schrift genauer untersucht werden. Im Zentrum stehen dabei Prozesse des Sprachkontakts und mehrsprachige Praktiken wie code mixing oder code switching, zugleich wird danach gefragt, wie sprachliche und kulturelle Identitäten im öffentlichen Raum konstruiert werden und wie verbale Zeichen mit visuellen beziehungsweise multimodalen Elementen zusammenwirken. Berücksichtigt werden außerdem aktuelle Veränderungen urbaner Sprachlandschaften, etwa unter dem Einfluss von Tourismus oder Gentrifizierungsprozessen, sowie neue digitale Möglichkeiten, mit denen Linguistic-Landscape-Daten dokumentiert und analysiert werden können.
Ein wesentlicher Bestandteil des Hauptseminars ist die eigene empirische Arbeit. Die Studierenden werden selbst sprachliche Daten im urbanen Raum erheben und lernen dabei, wie Beobachtungen systematisch dokumentiert werden, wie ein georeferenziertes fotografisches Korpus aufgebaut werden kann und nach welchen Kriterien sich das erhobene Material linguistisch beziehungsweise soziolinguistisch auswerten lässt. Auf diese Weise soll das Seminar nicht nur mit einem aktuellen Forschungsfeld der Soziolinguistik und Sprachkontaktforschung vertraut machen, sondern auch dazu befähigen, eine eigene Untersuchung zum linguistic landscape methodisch fundiert zu konzipieren.
Geplant sind ein Workshop zur Lexikographie sowie eine Führung durch die Accademia della Crusca; außerdem werden wir an einer Lehrveranstaltung der Università degli Studi di Firenze teilnehmen. Im Rahmen der Linguistic-Landscape-Forschung werden wir darüber hinaus Florenz selbst zum Gegenstand sprachwissenschaftlicher Feldforschung machen, indem wir ausgewählte Bereiche der Stadt erkunden und dort sichtbare sprachliche Praktiken dokumentieren. Die Exkursion ist für die Studierenden beider Seminare gemeinsam konzipiert, sodass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer am gemeinsamen Programm teilnehmen und zugleich die jeweils im Seminar erarbeiteten Fragestellungen in Florenz vertiefen können.
Da Florenz unabhängig von der Jahreszeit zu den besonders stark besuchten Städten Italiens gehört und die Organisation von Anreise sowie Unterkunft deshalb einen gewissen zeitlichen Vorlauf erfordert, beginnen die Planungen bereits vor dem eigentlichen Semesterstart. Am 9. September 2026 findet um 17 Uhr ein erstes Vorgespräch mit Prof. Dr. Daniela Pietrini über Zoom statt, bei dem die geplante Exkursion vorgestellt und erste organisatorische Fragen besprochen werden. Wer grundsätzlich Interesse an einer Teilnahme hat, wird gebeten, sich direkt per E-Mail bei Prof. Pietrini zu melden, um den Link zum Zoomgespräch zu erhalten. Auch die Anmeldung zu den beiden Lehrveranstaltungen ist bereits über Digicampus möglich. Interessierte Studierende sollten sich möglichst frühzeitig für das Proseminar „La questione della lingua da Dante ai social network“ beziehungsweise das Hauptseminar „L’italiano nello spazio pubblico. Introduzione al linguistic landscape“ registrieren, damit die weitere Planung der Seminare und insbesondere der gemeinsamen Florenz-Exkursion rechtzeitig erfolgen kann.