Neue Monographie von Dr. Stefano Miani: Die Geschichte der italienischen Psychoanalyse durch ihre Wörter
Im Juni 2026 ist die Monographie „L’italiano della psicanalisi. Lessico e storia (1899–1939)“ von Dr. Stefano Miani, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Romanische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Daniela Pietrini), in der Reihe „Le varietà dell’italiano. Scienze, arti, professioni“ der Accademia della Crusca erschienen.
Die Arbeit widmet sich der Entstehung und Verbreitung des psychoanalytischen Wortschatzes in Italien zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs. Ausgangspunkt der Untersuchung war eine lexikographische Beobachtung: Während historische Wörterbücher lange den Eindruck vermittelten, die Sprache der Psychoanalyse habe sich in Italien erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts etabliert, zeigt die Analyse früher Fachtexte, dass zentrale Begriffe der Disziplin bereits deutlich früher in die italienische Sprache Eingang gefunden hatten und Gegenstand fachlicher Aushandlungsprozesse waren. Auf der Grundlage eines umfangreichen Korpus aus fachwissenschaftlichen und populärwissenschaftlichen Quellen rekonstruiert Miani die Geschichte einer Disziplin anhand ihrer Wörter. Im Mittelpunkt stehen dabei die Entwicklung und Verbreitung zentraler Begriffe wie „atto mancato“, „inconscio“, „libido“, „psicoanalisi“ oder „transfert“. Die Untersuchung macht sichtbar, dass die Einführung der Psychoanalyse in Italien nicht nur eine wissenschaftliche, sondern auch eine sprachliche Herausforderung darstellte, da sich die Entwicklung einer neuen Fachterminologie in einem Spannungsfeld zwischen Übersetzungsfragen und gesellschaftlichen Widerständen vollzog, das die frühe Rezeption der Disziplin entscheidend beeinflusste.
Abgeschlossen wird der Band durch ein umfangreiches Glossar mit über 300 Begriffen des psychoanalytischen Wortschatzes des frühen 20. Jahrhunderts. Die Monographie verbindet sprachhistorische und lexikologische Perspektiven mit Fragen der Wissenschaftsgeschichte und zeigt, welche zentrale Rolle Sprache bei der Entstehung und Verbreitung neuer Wissensbereiche spielt.