Von „Ansia“ zu „Vacansia“: Psychologische Fachsprache zwischen Wissenschaft und Social Media

Am 18. und 19. Juni 2026 fand an der Università di Cagliari die Tagung „La lingua della divulgazione scientifico-culturale oggi fra TV e rete“ (Die Sprache der wissenschaftlichen und kulturellen Wissensvermittlung heute zwischen Fernsehen und Internet) statt. Die Veranstaltung versammelte sprachwissenschaftliche Beiträge zur Vermittlung von Wissen in unterschiedlichen Fachbereichen und Medienformaten. Im Mittelpunkt standen dabei die Sprache der Geschichts-, Philosophie-, Kunst-, Literatur-, Rechts-, Wirtschafts-, Medizin- und Wissenschaftskommunikation sowie deren Ausprägungen in Fernsehen, Podcasts, sozialen Netzwerken und anderen digitalen Medien.

Der Lehrstuhl für Romanische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Daniela Pietrini) war durch Dr. Stefano Miani vertreten, der den Vortrag „Dall’ansia alla vacansia: divulgazione, circolazione e riusi del lessico psicologico nei nuovi media“ (Von der Angst zur „Urlaubsangst“: Wissensvermittlung, Verbreitung und Wiederverwendung psychologischen Wortschatzes in den neuen Medien) präsentierte.

Im Mittelpunkt des Beitrags stand die Verbreitung und Weiterentwicklung psychologischer Fachterminologie in digitalen Medien. Ausgehend vom italienischen Begriff ansia („Angst“, „Unruhe“), der heute sowohl zum psychologischen Fachwortschatz als auch zum allgemeinen Wortschatz gehört, untersuchte Miani verschiedene Formen der psychologischen Wissensvermittlung auf YouTube und in sozialen Netzwerken. Besonderes Augenmerk galt den sprachlichen Strategien, mit denen psychologische Inhalte für ein breites Publikum aufbereitet werden. Anhand ausgewählter Beispiele zeigte Miani, wie sich digitale Formen der Wissensvermittlung zwischen kommunikativer Nähe und kommunikativer Distanz bewegen. Während kommunikative Nähe etwa durch direkte Anrede, persönliche Erfahrungen und emotionale Beteiligung erzeugt wird, zeichnen sich stärker distanzorientierte Formate durch definitorische Präzision, Klassifikationen und die systematische Darstellung psychologischer Konzepte aus. Die Analyse verdeutlichte damit, wie Fachsprache in digitalen Medien einerseits vereinfacht und zugänglich gemacht wird, andererseits aber ihre wissenschaftliche Funktion behält.

Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags lag auf der kreativen Weiterverwendung psychologischer Terminologie in sozialen Netzwerken. An Beispielen wie "vacansia", einer Wortbildung aus vacanza („Urlaub“) und ansia („Angst“, „Unruhe“), oder "Lufthansia" wurde gezeigt, wie fachsprachliche Begriffe in neue kommunikative Kontexte überführt werden. Solche Wortschöpfungen dienen nicht nur dem sprachlichen Spiel, sondern fungieren auch als Mittel des Humors, der Selbstironie und der gemeinschaftlichen Verarbeitung alltäglicher Unsicherheiten und Belastungen.

Der Vortrag machte deutlich, wie eng Wissenschaftskommunikation, Sprachwandel und digitale Medien heute miteinander verflochten sind. Psychologische Fachbegriffe bleiben nicht auf wissenschaftliche Kontexte beschränkt, sondern werden von Nutzerinnen und Nutzern aufgegriffen, neu interpretiert und kreativ weiterentwickelt. Dadurch entstehen neue Ausdrucksformen, die zugleich Einblicke in aktuelle gesellschaftliche Diskurse und Kommunikationspraktiken geben.

 

Stefano Miani

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