Wenn Sprache lebendig wird: Romanische Linguistik bei der Langen Nacht der Wissenschaft 2026

Die Lange Nacht der Wissenschaft 2026 wurde ihrem Namen gerecht: Bis spät in den Abend hinein wurde in der Stadtbücherei Augsburg geforscht, ausprobiert, diskutiert und gestaunt. Mit zahlreichen Besucherinnen und Besuchern, vielen spannenden Gesprächen und großem Interesse an den verschiedenen Mitmachangeboten wurde der gemeinsame Stand der sprachwissenschaftlichen Lehrstühle der Augsburger Romanistik zu einem lebendigen Treffpunkt für alle, die Sprache einmal aus einer neuen Perspektive erleben wollten. Zum ersten Mal präsentierten sich der Lehrstuhl Romanische Sprachwissenschaft (Prof. Dr. Daniela Pietrini) und der Lehrstuhl Angewandte Sprachwissenschaft – Romanistik (Prof. Dr. Joachim Steffen) gemeinsam bei der Langen Nacht der Wissenschaft. Unter dem Motto „Dimensionen sprachlicher Vielfalt in der romanischen Welt“ zeigten die beiden Teams im 1. Obergeschoss der Stadtbücherei Augsburg, wie facettenreich aktuelle sprachwissenschaftliche Forschung sein kann und wie unterschiedlich sich Sprache untersuchen lässt. Von Comics über historische Handschriften und digitale Forschungsmethoden bis hin zur Analyse der menschlichen Stimme machten die verschiedenen Stationen sichtbar, welche vielfältigen Formen Sprache annehmen kann und mit welchen Methoden die romanistische Linguistik sie erforscht.

Der Beitrag des Lehrstuhls Romanische Sprachwissenschaft stand ganz im Zeichen des Comics Linguistics Lab. Hier konnten kleine und große Besucherinnen und Besucher in die faszinierende Welt der romanischsprachigen Comics eintauchen und entdecken, dass Comics weit mehr sind als gezeichnete Unterhaltung. Das Team zeigte anhand zahlreicher Beispiele aus verschiedenen romanischen Comictraditionen, wie kreativ Sprache in Comics eingesetzt wird und wie eng Wörter, Bilder, Schriftgestaltung und grafische Elemente zusammenwirken, um Geschichten zu erzählen. Besonders gefragt waren die interaktiven Stationen, an denen die Besucherinnen und Besucher selbst tätig werden konnten. Sie ordneten Comicsequenzen, rätselten über Geräuschwörter und sprachliche Besonderheiten, testeten ihr Wissen in einem Kahoot-Quiz und entdeckten spielerisch, welche zentrale Rolle Sprache für das Erzählen im Comic spielt. Dabei wurde deutlich, dass Comics komplexe Formen des Zusammenspiels von Sprache, Schrift und Bild darstellen und gerade dadurch spannende Gegenstände sprachwissenschaftlicher Forschung sind. Die große Begeisterung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen zeigte, dass Comics nicht nur ein faszinierender Forschungsgegenstand sind, sondern auch einen besonders zugänglichen Weg eröffnen, sprachwissenschaftliche Fragestellungen kennenzulernen.

Der Lehrstuhl für Angewandte Sprachwissenschaft (Romanistik) stellte zwei Forschungsprojekte zur Sprach- und Wissensgeschichte des kolonialen Südamerika vor. Das deutsch-argentinische Kooperationsprojekt „Pa'i ha paje – Padres y chamanes" (2020–2024, gefördert von DFG und CONICET, geleitet von Joachim Steffen, Ignacio Telesca und Harald Thun) widmete sich erst in jüngerer Zeit entdeckten Handschriften zur Medizin in den Jesuitenmissionen Paraguays und der La-Plata-Region. Die teils auf Guaraní, teils auf Spanisch verfassten Texte dokumentieren, wie europäisches und indigenes Heilwissen in den Missionen aufeinandertrafen und sich zu neuen Wissensformen verbanden. Im Rahmen des Projekts entstehen eine kommentierte digitale Edition sowie ein vernetztes Online-Glossar medizinischer und pharmazeutischer Begriffe mit Übersetzungen zwischen Guaraní, Spanisch und Latein.

An diese Arbeiten knüpft das DFG-Projekt „Rescate del Paraguay Cultivado" (2025–2028) an. Es erschließt den kürzlich wiederentdeckten, bislang unveröffentlichten dritten Teil der Paraguay-Trilogie des Jesuitenpaters José F. Sánchez Labrador (1717–1798), eine einzigartige Quelle zur Landwirtschaft, Sprache und Kultur des kolonialen Südamerika. Im Projekt entsteht eine digitale, frei zugängliche Edition mit begleitender Druckausgabe. Sprachlich verbindet das Werk spanische Wissenschaftssprache des 18. Jahrhunderts, Latein, jesuitisches Guaraní und Elemente des Mbaya und bietet damit wichtige Einblicke in Sprachkontakt und Varietätenwandel. Am Stand ließ sich an Manuskriptseiten nachvollziehen, wie koloniale Handschriften transkribiert werden und was sich daraus über Wissenszirkulation und Alltagsleben in den Missionen erschließen lässt.

Der große Zuspruch und die vielen interessierten Gespräche machten die Lange Nacht der Wissenschaft 2026 zu einem besonderen Erlebnis für beide Teams. Der gemeinsame Stand zeigte, wie vielfältig romanistische Linguistik heute ist und wie viel Begeisterung entstehen kann, wenn Forschung nicht nur erklärt, sondern gemeinsam erlebt wird. Ein herzliches Dankeschön gilt allen Besucherinnen und Besuchern für ihre Neugier, ihr Interesse und die spannenden Gespräche sowie allen Kolleginnen und Kollegen, Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und studentischen Hilfskräften, die diesen gelungenen Abend möglich gemacht haben.

 

 

Lehrstuhl Romanische Sprachwissenschaft

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