Vortrag von Dr. Rostislav Tumanov im Rahmen des KuK-Kolloquiums
Giovanni Domenico Tiepolos umfangreiche Radierungsserie Idee Pittoresche sopra la Fugga in Egitto (1750-53) galt der bisherigen Forschung vor allem als eine Ansammlung visueller Variationen eines vertrauten biblischen Sujets, mit denen der junge Künstler seine Erfindungsgabe unter Beweis stellen wollte. Das narrative Potential der Serie wurde dagegen zumeist unberücksichtigt gelassen. Doch gerade dieser Aspekt eröffnet einen neuen Blick auf den Zyklus, der sich unter dem Begriff der produktiven Polyvalenz fassen lässt. Bei genauer Betrachtung zeigt sich nämlich, dass die Idee Pittoresche zwei grundlegend verschiedene und doch miteinander vereinbare Rezeptionsmodi ermöglichen: Einerseits kann Tiepolos Fähigkeit zur Abwandlung und Innovation bekannter ikonographischer Muster fokussiert, andererseits die Bildfolge als eine Sequenz narrativ verknüpfter Einzelepisoden gelesen werden. Die Frage ist folglich nicht, ob Tiepolo in den Idee Pittoresche primär auf Variation oder Narration setzt, sondern wie der Zyklus beide Rezeptionsmodi ermöglicht und den wiederholten Wechsel zwischen diesen geradezu einfordert. Das Thema der Flucht greift der Künstler ca. 40 Jahre nach erscheinen der Idee Pittoresche erneut auf und widmet diesem im Rahmen eines ca. 300 Szenen umfassenden Zyklus mit neutestamentlichen Szenen 30 Blätter. Dabei nimmt er zwar einzelne Bildfindungen aus seiner früheren Serie wieder auf, doch der Umgang mit dem Thema hat sich merklich gewandelt: Tiepolo integriert nun zahlreiche Episoden aus apokryphen Quellen, die in den Idee Pittoresche auffällig fehlen. Der Vortrag zeigt, dass auch in den späten Zeichnungen das Prinzip der produktiven Polyvalenz wirksam bleibt – wenngleich in veränderter Gestalt und unter veränderten medialen Bedingungen.
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