Die Moral des Sehens. Von Moore bis Murdoch – Ein Abendvortrag mit Prof. Dr. Christian Illies

Donnerstag, 01. Juli 2026, 19.00 Uhr, HS 2106 D

Inhalt des Vortrags

Noch bevor die Haubitzen und Mörserfeuer des Ersten Weltkriegs den Glauben an die Humanität zerrieben, hatten die ideengeschichtlichen Sprengsätze des Nihilismus bereits die Fundamente der Moral getroffen. Gott ist tot; der Mensch ein triebgesteuertes Tier, das weder Zugang zu universeller Wahrheit noch zur vernünftigen Erkenntnis eines objektiv Guten besitzt – so lautete das Credo des späten 19. Jahrhunderts. 
Doch lässt sich das Gute wirklich einfach als evolutionäre Anpassung, psychologische Projektion, getarnter Machttrieb oder soziale Konstruktion – kurz: als Illusion – entlarven? G. E. Moore (1873–1958) argumentierte dagegen, dass die Frage, ob etwas tatsächlich gut sei, für uns stets sinnvoll und unhintergehbar bleibe. Und Max Scheler (1874–1928) zeigte, dass wir in unserer affektiven Erfahrung unmittelbar einen Unterschied zwischen gut und schlecht wahrnehmen. Lässt sich das Gute also doch erkennen? Zeigt es sich in seiner Wirklichkeit?
Iris Murdoch (1919–1999) schrieb nicht nur fesselnde Romane, sondern griff diesen philosophischen Faden auf und wurde zur Einsicht geführt, dass unsere Aufmerksamkeit geschult werden müsse – durch geduldige innere Einübung. Das Gute erscheint dann nicht als bloße Projektion unserer Wünsche, sondern als etwas, das für den aufmerksamen Blick allmählich Gestalt annimmt.
Es könnte sich lohnen, diesen geheimnisvollen Faden bis zu uns weiterzuspinnen – er hilft vielleicht aus dem Labyrinth mancher moralischen Rätsel, vor allem dem ganz großen: Wie wirklich das Gute ist.

 

 

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