Call for Paper SCM

Call for Papers: Special Issue in Studies in Communication and Media Heft 4/2020

Abgabefrist verlängert! Neue Deadline 31.05.2020!  Wir freuen uns auf Ihre Beiträge!


Kritik an, in und durch Kommunikations- und Medienwissenschaft


Peter Gentzel, Sigrid Kannengießer, Cornelia Wallner & Jeffrey Wimmer
Die gesellschaftliche Funktion und Legitimität, mithin der Sinn, sozialwissenschaftlicher Forschung ist zweifelsohne eng an die Fähigkeit zur Kritik gebunden. In der Gegenwart des frühen 21. Jahrhunderts ist diese kritische Dimension sozialwissenschaftlicher Forschung neben bekannten auch mit neuen Herausforderungen konfrontiert, die es zu bearbeiten gilt. Sozialwissenschaftliche Kritik im Sinne der Bewertung von Phänomenen und Prozessen erfordert immer auch die Reflektion und Einordnung der in den zu analysierenden sozialen
Phänomenen und Prozessen enthaltenen Vorstellungen und Werten. Um dies leisten zu können, benötigt Kritik selbst wiederum Begriffe und Theorien, gesellschaftlich konsentierte Normen und Ideale, die der Analyse zugrunde liegen und die Interpretation (an-)leiten. Die notwendigen Bedingungen sozialwissenschaftlicher Kritik sind längst nicht mehr selbstevident, beispielsweise aufgrund einer Vielzahl konkurrierender Wissens- und Deutungsangebote. Insbesondere datenbasierte, am Ideal ökonomischer Effizienz orientierte Optimierungsstrategien – für das individuelle Selbst, die unternehmerische Organisation oder die effiziente Gesellschaft – scheinen soziokulturell großflächig akzeptiert und prägen z.B. öffentliche Diskurse ebenso wie die Zielvorstellungen von Organisations- oder Institutionalisierungsprozessen. Schließlich geht mit der Pluralisierung von Deutungsangeboten, Bewertungs- und Orientierungswissen auch deren Entwertung einher, z.B. in Form der Verkürzung ihrer Halbwertzeit als Teilaspekt sozialer Beschleunigungsprozesse (u.a. Rosa, 2005). Für eine kritische Forschung ist dies problematisch, weil im Zuge von Pluralität und Entwertung auch die (vermeintlich) historisch stabilen Normen und transkulturellen Maßstäbe, gewissermaßen ihre Basis, desavouiert werden. Folglich sind auch Wissenschaftler*innen oder Journalist*innen im Angesicht von Digitalisierung, Datafizierung und Metrifizierung, Big Data, algorithmischer Datenverarbeitung und KI verführt, das „Ende der Theorie“ (u.a. M. Graham, C. Anderson) und der Kritik (Latour, 2004) auszurufen oder, weniger fatalistisch, eine grundlegende Revision des Verständnisses und der Bedeutung von Kritik vorzuschlagen (u.a. Boltanski, 2011). Der gesellschaftliche Bedeutungsverlust sozialwissenschaftlicher Kritik lässt sich noch in einer weiteren Hinsicht als Folgeerscheinung von Prozessen der Digitalisierung und Datafizierung interpretieren. Denn diese tragen zur Transformation der Grundstrukturen und Regeln von Diskursen und öffentlicher Kommunikation maßgeblich bei. Kritische Wissenschaftler*innen müssen in postfaktischen Zeiten deshalb neue Wege finden, um sich in einer fragmentierten und segmentierten Öffentlichkeit, in einer digitalen Medienwelt bestehend aus Empörung, Echokammern und Filterblasen Gehör zu verschaffen. Kritik verstummt nicht unbedingt, aber die „Sprachlosigkeit der Kritik“ im Sinne des Fehlens einer kritischen gesellschaftlichen Erzählung führt dazu, dass sie kaum gehört wird (Voswinkel & Wagner 2011). Allen voran die Kommunikationswissenschaft, im Selbstverständnis eine Integrations- (u.a. Kunczik & Zipfel 2005, S. 20) und Querschnittswissenschaft (Krotz, Hepp, & Winter, 2009, S. 5), ist dazu aufgerufen, sich dem kommunikativen Aushandlungsprozess, in den Sozialwissenschaften wie in der Gesellschaft, über Potentiale und Leistungsvermögen sozialwissenschaftlicher Kritik anzunehmen. Als Disziplin, die sich mit den „sozialen Bedingungen, Folgen und Bedeutungen von medialer, öffentlicher und interpersonaler Kommunikation“ (DGPuK, 2008) befasst, gilt es folglich die eigenen theoretischen und analytischen Werkzeuge im eingangs skizzierten wechselseitigen Bezug zur Transformation der disziplinären Materialobjekte Kommunikation, Öffentlichkeit und Medien zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Vor diesem Hintergrund sind Einreichungen für das Themenheft der SCM 2020 erbeten, die sich insbesondere, aber nicht nur mit folgenden Themen und Fragestellungen auseinandersetzen.
Themen & Fragestellungen

1. Kommunikations- und Medientheorien
Theorien bieten den Referenzrahmen für wissenschaftliche Kritik, denn sie geben einen normativen Rahmen, einen bestimmten Blickwinkel vor, aus dem heraus die erforschten Phänomene
betrachtet werden. Die kritische Reflexion beginnt da, wo hinterfragt wird, warum welche Theorien verwendet werden, und andere nicht, welche normativen Perspektiven eine Theorie beinhaltet, und was dies für die Analyseergebnisse und deren Interpretation bedeutet. Die kritische Reflexion der Erklärungskraft bestehender Theorien ist aber auch erforderlich, um deren Tauglichkeit für Phänomene der Gegenwart zu prüfen. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise folgende Fragen relevant:

  • Welche (impliziten) normativen Bezugspunkte beinhaltet die gegenwärtige kommunikationswissenschaftliche Forschung?
  •  Wie lässt sich der Ansatz der Cultural Studies auf Datafizierungsprozesse anwenden?
  • Was sagt der historische Materialismus zur Datenökonomie der Gegenwart?
  •  Wie lässt sich die Entfremdungsthese der Kritischen Schule auf kommunikative Praktiken einer mediatisierten Kultur und Gesellschaft verlängern?
  • Welches kritische Potential lässt sich mit Akteur-Netzwerk-Theorien erschließen?

2. Empirische Methoden und Analysedaten
Evidenzbasierte Forschungsaussagen als zentrales Rechtfertigungsargument für gesellschaftliche Relevanz bedeutet auch, dass die angewandten Methoden und zugrundeliegenden Datenquellen einer kritischen Reflexion unterzogen werden müssen – aus methodischer, forschungsökonomischer oder forschungsethischer Sicht, und auf einer Meta-Ebene. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise folgende Fragen relevant:

  • Welches Potenzial hat quantitative kommunikationswissenschaftliche Forschung in grundlegend datenbasierten, ökonomischen Medienumgebungen und gegenüber den Potentialen großer Internetkonzerne und Analyseunternehmen (unmittelbarer Zugang zu großen Datenmengen, enorme Forschungs- und Entwicklungsabteilungen)?
  • Wie ist die Entwicklung des Kaufens großer digitaler Datenmengen von Internetkonzernen für sozialwissenschaftliche Forschung zu bewerten?
  • Sind automatisierte Big Data Analysen (und deren Visualisierungsformen) selbstevident oder wird ihre Bedeutung in Diskursen ausgehandelt? Wie transparent sind diese Diskurse und wer führt sie?
  • Welche Phänomene werden mit welchen Methoden erforscht und was wird aus welchen Gründen empirisch nicht erforscht? Und was sagt dies über die gegenwärtige kommunikationswissenschaftliche Forschung aus?

3. Kritische Medienpraktiken und Medienkritik
Medienkritik im Sinne eines Bewertens medialer Inhalte, Medienaneignung und Medienproduktion ist ein traditionelles Forschungsinteresse der Kommunikations- und Medienwissenschaft: Inhaltsanalysen kritisieren Medieninhalte und nehmen Kritik als Medieninhalt selbst in den Blick; Medienaneignungsstudien kritisieren das Medienhandeln von Menschen oder nehmen kritisches, „alternatives“ Medienhandeln in den Blick; die Produktion von Medientechnologien wird kritisch hinterfragt bzw. die alternative Produktion von Medientechnologien untersucht. In der Gegenwart sind es insbesondere Digitalisierungsphänomene wie Selbstvermessung, Smart City, Big Data und Datafizierung, die im Fokus kritischer Forschung stehen. Angesprochen sind darüber hinaus diachrone und synchrone Analysen medienkritischer Praktiken, die gegenwärtige Instanzen kritischer Gegenöffentlichkeit erforschen und nach dem Selbstverständnis alternativer Teilöffentlichkeiten fragen. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise folgende Fragen relevant:

  • Welche öffentlichen Diskurse prägen Medienkritik und die Kritik an der gesellschaftlichen Rolle der Medien?
  • Welche kritischen Medienpraktiken können wir derzeit wahrnehmen, wer sind die handelnden Akteure und gegen wen oder was richtet sich die Kritik?
  • Welche medienkritischen Befunde liegen zur symbolischen, diskursiven und gesellschaftlichen Rolle einer ubiquitären globalen Medieninfrastruktur im Besitz globalen Medienkonzerne vor?
  • Welche Bedeutung hat Medienkritik in der modernen Mediengesellschaft und in welchem Verhältnis steht Medienkritik zur Gesellschaftskritik?
  • Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Befunden kritischer Forschung, insbesondere für die Medienpolitik, für Journalismus oder Medienpädagogik?

4. Wissenschaftsverständnis
Gegenwärtig sind mehrere und unterschiedliche Anstrengungen zu beobachten, kommunikationswissenschaftlicher Forschung eine aktive(re) Rolle in der Gesellschaft zuzusprechen. Sei dies in Form der kollaborativen Co-Kreation von Medieninhalten oder -technologien, sei es in Form einer Neujustierung im Selbstverständnis. Ebenfalls bedeutsam für Verständnis, Form und Bedeutung disziplinärer Forschung ist die Metrifizierung wissenschaftlicher Expertise auf digitalen Plattformen wie Researchgate, Academia oder Mendeley. Dies lässt sich einerseits als Transparenzgewinn, als Steigerung von Qualität und Vergleichbarkeit wissenschaftlicher Forschung interpretieren. Andererseits gehen damit auch Standardisierungs- und Klassifikationsprozesse einher, die möglicherweise negative Effekte auf Pluralität, Diversität und Erfolg wissenschaftlicher Forschung insgesamt haben. In diesem Zusammenhang sind beispielsweise folgende Fragen relevant:

  • Was kritisiert die Gesellschaft an der Kommunikationswissenschaft, und was kritisieren die Kommunikationswissenschaft – mit welchem Ertrag – an sich selbst?
  • Sollte die Kommunikationswissenschaft im Sinne einer offenen und/oder transformativen Wissenschaft Wandlungsprozesse aktiv mitgestalten oder ihre Gegenstände eher distanziert analysieren?
  • Ist die zunehmende Metrifizierung wissenschaftlicher Expertise (Zitationsindex, research scores etc.) ein Effekt datenbasierter, ökonomischer Optimierungsprozesse der Wissenschaft oder trägt sie zu Qualitätssicherung, Transparenz, Gleichheit und Vergleichbarkeit bei? Welchen Einfluss hat dies auf wissenschaftliche Kreativität und Qualität?

Manuskripteinreichungen
Einreichungen sind in allen SCM-Formaten möglich, als „Extended Paper“ (50–60 Seiten), „Full Paper“ (15–20 Seiten), und „Research-in-brief“ (5–10 Seiten). Bitte beachten Sie bei der Manuskripterstellung die Richtlinien der SCM:

Manuskripte können per Mail an jeffrey.wimmer@phil.uni-augsburg.de eingereicht werden. Abgabefrist für Einreichungen ist der 31.05.2020 (verlängerte Deadline). Die aktualisierten Calls können Sie hier downloaden:   od.    Das Sonderheft wird im Dezember 2020 erscheinen (SCM Heft 4/2020).

Suche