Bildung verantworten – mit Bildung antworten?
Zwischen Dekonstruktion und Gestaltung

Erziehungswissenshaftliche Perspektiven im Kontext krisenhafter Weltlagen

 

Nicht nur die aktuelle Berichterstattung, sondern auch konkrete Erfahrungszusammenhänge legen nahe, dass krisenhafte Weltlagen zurzeit wenig Anlass zu Zuversicht geben und Zukunftsentwürfe dystopisch wirken lassen. Was heißt es, in einer solchen Zeit, Bildung in nationalstaatlichen Konstellationen differenzreflexiv, diskriminierungskritisch, sozial und ökologisch gerecht zu verantworten und mit und auf Bildung zu antworten? Wenn Hoch-/Schulen zu Angriffszielen werden, wenn autoritäre Regime und autoritäre Bestrebungen mit rechten Dynamiken in Demokratien Existenzberechtigungen und Zugehörigkeiten infrage stellen, die gleichberechtigte Teilhabe an Bildung und Erziehung verhindern (wollen) oder Scholasticide veranlassen, wird deutlich, dass krisenhafte Weltlagen nicht nur abstrakter Überbau sind. Sie nehmen Einfluss auf die Gestaltung von Bildungsstrukturen und Bildungsprozessen und evozieren somit Antworten und Fragen nach der Verantwortung von Bildung. Zugleich sind Bildung und Erziehung in die Entstehung und Aufrechterhaltung dieser Krisen involviert (z.B. Brüggemann et al., 2025), die sich als Konstellationen von Ausgrenzung und Gewalt manifestieren. Die Kontinuitäten kolonialer, rassistischer, patriarchaler, klassistischer und ableistischer Macht- und Ungleichheitsverhältnisse stehen in enger Verbindung zu institutionalisierten und normalisierten Ausschlüssen (auch) in und durch Bildungsinstitutionen (z.B. Akbaba & Heinemann, 2023; Hackbarth et al., 2024). 

 

Bildungssysteme und -praktiken sind nicht nur von gesellschaftlichen Krisen betroffen, sondern selbst an der Hervorbringung und Stabilisierung von ungleichen Lebensbedingungen und Zugehörigkeitsordnungen beteiligt. Krisen zeigen sich somit nicht nur in Form von Ausnahmezuständen, sondern auch als Ausdruck fortdauernder Gewalt- und Ungleichheitsverhältnisse. Bildung, insbesondere in ihrer institutionalisierten Form, befindet sich daher in einer dauerhaft ambivalenten Situation. Dennoch kann Bildung auch Ausdruck von Hoffnung, Emanzipation und Freiheit sein. Deshalb wird sie prominent als „erneuerbare Ressource“ (UNESCO, 2021) aufgerufen, um als Antwort und zugleich Verantwortung im Kontext krisenhafter Weltlagen zu wirken (z.B. Bush und Salterelli, 2000). Vor diesem Hintergrund soll im Rahmen der SIIVE-Tagung 2027 gefragt werden, inwiefern Bildung und Erziehung einerseits mit Krisen und krisenhaften Weltlagen verwoben und anderseits verantwortlich und in der Lage sind, auf kritische Konstellationen und autoritäre Bestrebungen zu antworten.

 

Wir laden dazu ein, Bildungsphänomene angesichts krisenhafter Weltlagen kritisch zu analysieren und mögliche widerständige, emanzipatorische und/oder transformatorische Szenarien zu entwickeln, die ihre Normen und Werte wissenschaftlich begründet und reflektiert ausweisen. Damit gerät die Frage in den Fokus, wie mögliche Zukünfte aus erziehungswissenschaftlicher Sicht imaginiert werden können. Zukünfte können als kontingente Möglichkeitsräume verstanden werden, die in Bildungsprozessen entworfen, begrenzt und verhandelt werden. Was heißt es für Bildung und Erziehung, wenn unter Bedingungen globaler Krisen Zukunftswissen brüchig wird, Prognosen an Geltung verlieren und pädagogisches Handeln mit der Nicht-Verfügbarkeit von Zukunft konfrontiert ist? Wie lässt sich mit Bildung antworten und Bildung verantworten unter dem Umstand mehrfacher Unsicherheiten – ausgelöst durch krisenhafte Weltlagen und deren Narrative?

 

Im Rahmen der SIIVE-Tagung 2027 wollen wir Phänomene von Bildung und Erziehung ebenso wie systemimmanente und disziplinäre Strukturen, Prozesse und Dynamiken der Erziehungswissenschaft selbst dahingehend beleuchten und fragen,... 

  • ... inwiefern Bildung und Erziehung(-swissenschaft) zu gegenwärtigen Krisen(-narrativen) und deren Bearbeitung beitragen,
  • ... inwiefern Alternativen und Gegenentwürfe aus erziehungswissenschaftlicher Perspektive imaginiert werden können und
  • ... inwiefern einer pädagogischen und/oder erziehungswissenschaftlichen Bearbeitung Grenzen gesetzt sind. 

Strukturen, Diskurse, Politiken und Praktiken sollen kritisch eingeordnet werden, um Spannungen aufzuzeigen, die die widersprüchlichen und dynamischen Aushandlungsprozesse von Bildung und Erziehung begleiten, um neben kritischen und dekonstruktivistischen Perspektiven auch Öffnungen und Möglichkeiten für die Gestaltung lebenswerter und gerechter Welt- und Wissensverhältnissen zu eröffnen. 

 

In den Kommissionen Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE), Erziehung und Bildung in der Migrationsgesellschaft (KEBiM) und Vergleichende und Internationale Erziehungswissenschaft (VIE) werden Bildungsphänomene seit Langem aus kontextualisierender und historisierender Perspektive und vor dem Hintergrund globaler Entstehungs- und Begründungszusammenhänge analysiert und bearbeitet. Dazu gehören - unter vielen anderen Themen - der Transfer von Bildungsprogrammatiken, der Einfluss aktueller und historischer Entwicklungen auf Bildungsstrukturen und -prozesse wie machtkritische Forschungsprogrammatiken und das intensive Nachdenken über eine differenzreflexive, diskriminierungskritische, sozial und ökologisch gerechte Gestaltung von Erziehung und Bildung. Aufbauend auf den vielfältigen Forschungen innerhalb der Sektion, lädt die SIIVE-Tagung 2027 dazu ein, Verbindungslinien zwischen Forschungsinteressen und Forschungsthemen herzustellen, um die gemeinsamen Grundlagen sicht- und diskutierbar zu machen, und um auf deren Basis Impulse (weiter) zu entwickeln, die zur gemeinsamen Weiterarbeit anregen. Wir laden ein, gemeinsam über entsprechende Entwürfe nachzudenken, wobei wir davon ausgehen, dass das Neu-zu-Denkende nicht reibungslos, sondern vielmehr „in Differenz“ und nur dialogisch ausgelotet und hervorgebracht werden kann.

 

 

 

Literaturverweise

Akbaba, Y., Heinemann, A. M. B. (Hrsg.). (2023). Erziehungswissenschaften dekolonisieren. Theoretische Debatten und praxisorientierte Impulse. Beltz Juventa.
Brüggemann, C., Drerup, J., & Engelmann, S. (Hrsg.). (2025). Demokratie und Erziehung in Zeiten des Krieges. ZEP-Zeitschrift Für Internationale Bildungsforschung Und Entwicklungspädagogik, 48(3).
Bush, K. D., & Saltarelli, D. (2000). The two faces of education in ethnic conflict: Towards a peacebuilding education for children. UNICEF Innocenti Research Centre.
Hackbarth, A., Häseker, A. V., Bender, S., Boger, M.-A., Bräu, K., & Panagiotopoulou, J. A. (2024). Erfahrungen von Exklusion: Differenzsensible und diskriminierungskritische Perspektiven auf pädagogische Handlungsfelder. Verlag Barbara Budrich.
Mehta, B. S. (2023). Changing Nature of Work and the Gig Economy: Theory and Debate. FIIB Business Review, 12(3), 227–237. https://doi.org/10.1177/2319714520968294
UNESCO. (2021). Reimagining our futures together: A new social contract for education. UNESCO. https://doi.org/10.54675/ASRB4722

Call for Abstracts

 

Eingeladen sind Beiträge, die globale Herausforderungen wie Krisen und Konflikte, Entdemokratisierung, planetare Grenzüberschreitungen und Technologisierung bzw. Datafizierung als Entstehungs- und Begründungszusammenhänge von Bildungsprozessen und -strukturen in den Blick nehmen. Gefragt sind empirische und theoretische Auseinandersetzungen, die diese Phänomene einerseits einer kritischen Analyse unterziehen, aber eben auch versuchen, darüber hinauszugehen, um nach gangbaren Alternativen zu fragen. Die Beiträge können einem der folgenden Themenfeldern zugeordnet werden, diese ergänzen und Verbindungslinien zwischen mehrfach verorteten Anliegen herstellen.

 

Themenfeld 1: Komparatistik, Bildungspolitik und Policy Transfer
Krisenhafte Weltlagen fordern dazu heraus, Bildung im Kontext komplexer Interdependenzen, ökologischer Grenzen und globaler sowie nationalstaatlich gerahmter Macht- und Ungleichheitsverhältnisse neu zu denken. Im Themenfeld Komparatistik, Bildungspolitik und Policy Transfer sind Beiträge eingeladen, die divergente bildungsbezogene Formen von (Nicht-)Staatlichkeit, Veränderungen in Bildungssystemen, internationale und multilaterale Akteurskonstellationen (einschl. staatlicher, private und zivilgesellschaftlicher Akteure) und (trans-)nationale Wissensordnungen kritisch-reflexiv und/oder vergleichend analysieren und nach Möglichkeiten einer verantwortlichen Gestaltung von Bildung fragen. Von Interesse sind Beiträge, die sich mit den Möglichkeiten und Grenzen inter-/multilateraler Ansätze (z.B. Berufsbildung, Friedenspädagogik, Global Citizenship Education, usw.) und den Handlungsspielräumen verschiedener Akteure (z.B. OECD, UNESCO, Kirchen, soziale Bewegungen) im Hinblick auf die Gestaltung lebenswerter und gerechter weltgemeinschaftlicher Verhältnisse auseinandersetzen.
 
Themenfeld 2: Subjektivierung und pädagogische Handlungsfelder

Schule, Familie, Peer-Gruppen, Medien usw. sind zentrale Schnittstellen, an denen sich krisenhafte Weltlagen materialisieren. Im Themenfeld Subjektivierung und pädagogische Handlungsfelder werden Beiträge eingeladen, die untersuchen, wie in formalen, non-formalen und informellen Lernarrangements Krisenerfahrungen aufgegriffen und verarbeitet werden, wie diese reflektiert oder gar selbst hervorgebracht werden, wie und mit welche Konsequenzen für wen in pädagogischen Räumen gesellschaftliche Diskurse verhandelt werden und inwiefern pädagogische und didaktische Angebote dazu beitragen können, die Gestaltung lebenswerter und gerechter Zukünfte zu verantworten. Dazu zählt auch die Auseinandersetzungen mit der Verwobenheit von Wissen, Affekten und Leiblichkeit. Von Interesse sind beispielsweise historisierende und vergleichende Beiträge, die der Frage nachgehen, inwiefern Vulnerabilitäten, Widerständigkeiten und Resilienzen zum Ausgangspunkt für die Gestaltung von Ermöglichungsräumen für Begegnung, Kritik und Transformation werden können.

 

Themenfeld 3: Hochschule und Wissenschaft
Hochschule und Wissenschaft sind Schlüsselakteure für die Hervorbringung von Wissen und die Veränderung und Anpassung von Bildungssystemen. Gleichzeitig werden sie aktuell mehr denn je in Frage gestellt. Das Themenfeld Hochschule und Wissenschaft richtet den Blick auf die theoretischen, methodologischen und empirischen Grundlagen der Disziplin und fragt danach, wie diese selbst durch krisenhafte Weltlagen herausgefordert werden. Eingeladen sind Beiträge, die sich mit Erziehungswissenschaft als Wissenschaft auseinandersetzen, beispielsweise aus kritisch-feministischer, rassismuskritischer oder anti-/post-/dekolonialer Perspektiven, um Grenzen und Möglichkeiten des Theoretisierens, Repräsentierens und Reflektierens (u.a. im Forschungsprozess) sowie des Messbar- bzw. Sichtbarmachens von Machtverhältnissen im Umgang mit Wissensvielfalten untersuchen. Von Interesse sind auch Beiträge, die die strukturellen Rahmenbedingungen von Wissenschaft und Forschung in den Blick nehmen, um nach Verantwortung auf der Ebene der Hochschulen (und der Hochschulverwaltungen) für die Gestaltung lebenswerter und gerechter Welt- und Wissensverhältnisse zu fragen, sowie Beiträge, die sich mit epistemischer Gewalt und Wissensproduktion sowie mit der Reproduktion hegemonialer Wissensordnungen (auch) innerhalb der Erziehungswissenschaft beschäftigen.

 

Themenfeld 4: Verbindungslinien 
So verschieden Forschungsansätze und -themen sowohl innerhalb der Kommissionen als auch über diese hinweg zum Teil sind, so eint unsere Arbeiten das Engagement für eine umfassend historisch, geopolitisch und politisch-ökologische Kontextualisierung von Bildung und Erziehung. Wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen und aus verschiedenen, teilweise divergierenden Perspektiven, nehmen Forschende unserer Sektion kritisch-reflexive Betrachtungen der Gegenwart vor dem Horizont einer bewegen Welt- und Wissenschaftsgeschichte vor. Unsere Perspektiven sind dabei von intersektionalen und transnationalen Zugängen geprägt, die Bildungs- und Gesellschaftsverhältnisse in ihrer historischen, politischen und globalen Verwobenheit analysieren. Sie überschreiten materielle und symbolische Grenzen, um an Entwürfen für lebenswertere und gerechtere Zukünfte mitzuwirken. In diesem Themenfeld laden wir Beiträge ein, die sich mit Verbindungslinien zwischen den Inhalten und Ansätzen der Kommissionen befassen, um nach Ermöglichung von Räumen der Zusammenarbeit zu fragen, ohne jedoch die Spannungsverhältnisse zu verschleiern oder zu negieren. In diesem Themenfeld geht es darum, Zukunftsentwürfe in eigener „Sektionssache“ auszuloten und weiterzuentwickeln.

 

Einreichungsformalien und Anonymisierung

Alle Beiträge werden anonymisiert begutachtet. Um den Prozess zu unterstützen, reichen Sie bitte jeweils eine Titelseite (1. Seite) mit Angaben zu Beitragenden, institutionellen Anbindung und Themenfeld und eine Seite mit der Beitragsbeschreibung (circa 2.-3. Seite) ein. Bitte achten Sie darauf, dass die Beitragsbeschreibung keine Namen oder andere Identifikatoren enthält.

 

Beiträge können in drei Formaten eingereicht werden. 

Einzelbeiträge: Ein Einzelbeitrag umfasst 30 Minuten (20 Minuten Vortrag und 10 Minuten Diskussion). Die Einzelbeiträge werden der Tagungsorganisation in Sessions gruppiert. Pro Session sind drei Vorträge vorgesehen. Reichen Sie hierzu ein Abstrakt mit max. 1500-2000 Zeichen inkl. Leerzeichen (zzgl. Literaturangaben) mit folgenden Angaben ein: Titel des Beitrags, Name und institutionelle Anbindung, Zuordnung zu ein bis zwei Themenfeldern sowie Beschreibung des Einzelbeitrags mit Bezug zum Tagungsthema.

 

Panel: Ein Panel umfasst 90 Minuten und kann sich aus mehreren Beiträgen (und ggf. Diskussionsbeiträgen) zusammensetzen. Reichen Sie hierzu ein Abstrakt mit -4000 Zeichen inkl. Leerzeichen (zzgl. Literaturangaben) mit folgenden Angaben ein: Titel des Panels, Namen und institutionelle Anbindung der Beitragenden und ggf. Diskutant:innen, Zuordnung zu ein bis zwei Themenfeldern sowie Beschreibung des Panels mit Bezug zum Tagungsthema.

 

Diskussionsforen: Ein Diskussionsforum umfasst 90 Minuten und soll sich mit Verbindungslinien zwischen Forschungsansätzen und -themen über Kommissionen hinweg befassen, um gemeinsame Anliegen zu analysieren und zu reflektieren, und um Impulse für gemeinsame Projekte zu generieren. Reichen Sie hierzu ein Abstrakt mit max. 1500-2000 Zeichen inkl. Leerzeichen (zzgl. Literaturangaben) mit folgenden Angaben ein: Titel des Diskussionsforum, Namen und institutionelle Anbindung der Beitragenden sowie Beschreibung des Anliegens. Anknüpfungspunkte an das Tagungsthema sind wünschenswert aber nicht zwingend notwendig.

 

Wir laden alle Interessierten herzlich ein, sich im Rahmen dieser Formate an der Tagung zu beteiligen.

 

 

Der Call als pdf-Download: 

 

 

 

Bitte senden Sie Ihr Abstrakt per Mail an

 

Fristen:
  • Einreichungsfrist für Abstracts: 15. Juli 2026
  • Benachrichtigung der ausgewählten Beiträge: Oktober 2026

 

Bei organisatorischen und/oder inhaltlichen Rückfragen wenden Sie sich gern an Susanne Ress

Programm

 

Nähre Informationen zum Programm werden bald bekanntgegeben.

Anmeldung

 

Die Anmeldephase beginnt im Herbst 2026. 

Anfahrt

 

Mehr Informationen folgen in Kürze.

 

SIIVE-Sektionsvorstand:

Eva Bulgrin (Universität Marburg), Jana Costa (Universität Hildesheim), Aysun Doğmuş (TU Berlin), Anne-Katrin Holfelder (Universität Bamberg), Helge Kminek (Universität Klagenfurt), Rita Nikolai (Universität Augsburg), Julie A. Panagiotopoulo (Universität zu Köln), Anja Steinbach (Universität Flensburg) und Susanne Ress (TU Berlin). 

 

Verantwortlich für die Organisation der Tagung:

Susanne Ress & Rita Nikolai

 

Veranstalter: Universität Augsburg

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