Deutungskämpfe um Frieden und Gewalt in der Kolonialität des Friedens
Projektbeschreibung
Das Forschungsprojekt „Deutungskämpfe um Frieden und Gewalt in der Kolonialität des Friedens“ untersuchte, wie Frieden aus dekolonialen Perspektiven konzeptionell befragt werden kann, welche Reibungspunkte sich daraus mit etablierten Friedensvorstellungen ergeben und welche theoretischen und praktischen Impulse hieraus gewonnen werden können. Im Zentrum stand die Annahme, dass Friedensvorstellungen nicht neutral sind, sondern historisch gewachsen, politisch umkämpft und in koloniale Macht- und Wissensordnungen eingelassen sein können.
Dazu wurde die „Kolonialität des Friedens“ (Azarmandi/Pauls 2024) in den Blick genommen und in Zusammenhang mit Deutungskämpfen um Gewalt gestellt. Die Kolonialität des Friedens verweist auf modern-liberale Frieden, wie sie für koloniale und imperiale Zwecke instrumentalisiert werden und wurden. Friedensanrufungen dieser Art werden vor allem in ihrer diskursiven Nutzung durch europäische, zumeist staatliche Akteur*innen problematisiert. In der Analyse wurden Konzepte epistemischer (Spivak 1988; Brunner 2020) und onto-epistemischer Gewalt (vgl. Krohn/Pauls 2023) mit direkten Gewalt- und Unterdrückungsformen zusammengebracht. Das Projekt untersuchte, wie modern-liberale Friedensverständnisse Gewaltverhältnisse sichtbar machen, aber auch verdecken können. Deutlich wurde, dass die Leugnung historischer Ungerechtigkeit, insbesondere in Bezug auf Kolonialismus und koloniale Gewalt, welche als vergangen, abgeschlossen oder außerhalb gegenwärtiger gesellschaftlicher Friedensordnungen verortet werden, differenzierte Auseinandersetzungen mit anhaltenden kolonialen und rassistischen Hierarchien erschwert.
Deutungskämpfe wurden dabei nicht nur als Auseinandersetzungen um unterschiedliche Interpretationen verstanden, sondern als epistemische Kämpfe: Umkämpft sind nicht allein einzelne Begriffe oder Narrative, sondern auch die Wissensordnungen, innerhalb derer Friedensvorstellungen überhaupt verhandelbar werden (Pauls 2024). Dadurch wurde sichtbar, dass Friedenswissen von rassistischen und kolonialen Hierarchien durchzogen ist und diese auch reproduzieren kann. In der Konsequenz erfordert eine umfassende Dekolonisierung, dass eine Dehierarchisierung von Friedenswissen stattfindet, die zwei Stoßrichtungen beinhaltet: die Dezentrierung und Destabilisierung von hegemonialem Friedenswissen und die Pluralisierung von Friedenswissen durch Stärkung marginalisierter Wissensformen.
Im Projekt wurden anhand ausgewählter Fallbeispiele dekoloniale erinnerungsaktivistische Interventionen im öffentlichen Raum als Deutungskämpfe um Zusammenhänge zwischen Frieden und Gewalt untersucht. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei künstlerischen und aktivistischen Praktiken, die koloniale Gewaltverhältnisse in Deutschland thematisieren und mit gegenwärtigen Fragen von Frieden, Gewalt und Gerechtigkeit verbinden. Ein regionaler Schwerpunkt lag auf Augsburg und den Auseinandersetzungen um die kolonialen Verflechtungen der sogenannten Friedensstadt, insbesondere im Kontext der Welserkolonie (Pauls 2025).
Das Projekt (Laufzeit: 2022 - 2026) verband theoretisch-konzeptionelle Arbeit mit empirischen Fallanalysen und transferorientierten Reflexionen. Als zentrales Ergebnis ging daraus die kumulative Dissertation „Tracing Cracks: Erinnerungsaktivismus als Friedensarbeit – Dekoloniale Impulse für Friedenswissen in Friedensforschung und Friedensbildung“ (Pauls 2026) hervor. Die Dissertation rekonstruiert dekolonialen Erinnerungsaktivismus als friedensrelevante Praxis, die hegemoniale Wissensordnungen aufbricht und Friedensforschung wie Friedensbildung um dekoloniale, konfliktsensible und machtkritische Perspektiven erweitert.
Literatur
Pauls, Christina (2026): Tracing cracks: Erinnerungsaktivismus als Friedensarbeit. Dekoloniale Impulse für Friedenswissen in Friedensforschung und Friedensbildung, Dissertation: Universität Augsburg. https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/frontdoor/index/index/docId/129269
Pauls, Christina (2025): „Hauntings of El Dorado: Decolonial Memory Activism and Contentious Artistic Interventions in Germany“. Contention 13(2), 45–74. https://doi.org/10.3167/cont.2025.130203
Pauls, Christina (2024): „Struggles over Memory? Decolonial Memory Activism as Epistemic Struggle against Eurocentrism“. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung. https://doi.org/10.1007/s42597-024-00131-4
Azarmandi, Mahdis / Pauls, Christina (2024): „Coloniality of Peace“. Virtual Encyclopaedia – Rewriting Peace and Conflict. BMFTR – Network Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict. https://doi.org/10.5281/zenodo.18417572
Pauls, Christina (2024): Rezension zu The Epistemic Injustice of Genocide Denialism von Melanie Altanian. Portal für Politikwissenschaft. https://doi.org/10.36206/REZ24.8
Krohn, Juliana / Pauls, Christina (2023): „Friedensbildung otherwise? Überlegungen zu einer dekolonial informierten Friedensbildung“. Zeitschrift für Friedens- und Konfliktforschung. https://doi.org/10.1007/s42597-023-00105-y
Pauls, Christina (2023): „Performing Cracks in Public Memory: Undoing Epistemic Violence Through Artistic Interventions“. Journal für Entwicklungspolitik XXXIX(1–2), 50–73. https://doi.org/10.20446/JEP-2414-3197-39-1-50
Krohn, Juliana / Pauls, Christina (2023): „Modern/koloniale Frieden – eine dekoloniale Perspektive auf Friedensforschung und -bildung“. Friedensakademie Rheinland-Pfalz Blog. Online: https://rptu.de/friedensakademie/blog/alle-beitraege/modern/koloniale-frieden-eine-dekoloniale-perspektive-auf-friedensforschung-und-bildung
Pauls, Christina / Oppelt, Martin / Weber, Nicki K. (2022): „Staat und Postkolonie zwischen Einbruch und Aufbruch“. In: Oppelt, Martin / Pauls, Christina / Weber, Nicki K. (Hrsg.): Postkoloniale Staatsverständnisse. Baden-Baden: Nomos, S. 9–28.
Oppelt, Martin / Pauls, Christina / Weber, Nicki K. (Hrsg.) (2022): Postkoloniale Staatsverständnisse. Baden-Baden: Nomos.
Pauls, Christina (i.E.): „Cracking Peace: Divesting from the Coloniality of Peace through Decolonial Memory Activism“. In: Critical, Postcolonial, and Decolonial Approaches to Peace Education and Research, Special Issue, Journal for Peace Education, hrsg. von Hakim Williams, Jenny Ritchie, Maria José Bermeo, Rina Alluri und Staci Martin. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: 2026.
Pauls, Christina / Azarmandi, Mahdis (i.E.): „Kolonialität des Friedens“. In: Mühlbauer, Josef / Mögling, Klaus (Hrsg.): Kritische Friedensforschung 2.0. Voraussichtliches Erscheinungsdatum: Herbst 2026.
Ansprechpartnerin
Dr. Christina Pauls
wissenschaftliche Mitarbeiterin
Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung
Telefon: 0821-598-5589
E-Mail: christina.Pauls@phil.uni-augsburg.de