Deutungskämpfe um sexualisierte Gewalt
Projektbeschreibung
Die Problematik der sexualisierten Gewalt ist trotz ihrer globalen Relevanz ein Thema, das in Deutschland lange Zeit nur begrenzte öffentliche und politische Aufmerksamkeit erhielt, obschon sexualisierte Gewalt als gesellschaftliches und wissenschaftliches Querschnittsthema verstanden werden kann.
In der Aufarbeitungsforschung zu sexualisierter Gewalt lag der Fokus seit 2010 auf institutionellen Kontexten mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit. Das Spektrum der untersuchten Institutionen hat sich aber über die letzten rund 15 Jahre erheblich erweitert: Neben kirchlichen Einrichtungen geraten zunehmend auch zivilgesellschaftliche und pädagogische Kontexte wie Sportvereine, Pfadfinderverbände oder Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick. Insgesamt zeigt sich damit eine fortschreitende Pluralisierung und Differenzierung der Aufarbeitungslandschaft, die auf eine breiter angelegte gesellschaftliche Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt und ihren institutionellen Bedingungen verweist (Berth et al. 2025).
Diese „Konjunktur“ des Themas offenbart zugleich die Frage, warum es erst zu diesem Zeitpunkt gelang, ein solches Maß an Aufmerksamkeit und institutioneller Reaktion zu erzielen, während zuvor zahlreiche Betroffene ungehört blieben und Aufklärungsinitiativen nur geringe Resonanz fanden. Warum fanden die i.d.R feministisch motivierten Aufklärungsinitiativen und Kämpfe um Anerkennung und Schutz vor sexualisierter Gewalt zuvor nur wenig Resonanz und wurden über Jahrzehnte hinweg marginalisiert? Welche gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Strukturen haben den Diskurs in der Vergangenheit so stark eingeschränkt haben? Welche Rolle spielten gesellschaftliche Tabus und Mythen im Umgang mit sexualisierter Gewalt und wie haben sie das institutionelle Handeln beeinflusst? Welche Konflikte sind seither im politischen und wissenschaftlichen Diskurs erkennbar?
Diese Fragen verdeutlichen die Ambivalenz und die Dynamik des Diskurses, der von langjährigen Tabuisierungen und institutionellen Deutungskämpfen geprägt ist. Aus diskursanalytischer Perspektive lassen sich daher etliche Konfliktlinien zwischen unterschiedlichen Diskurspositionen aus Politik, Wissenschaft Aktivist:innen, Erfahrungsexpert:innen sowie der Fachpraxis identifizieren.
Das Projekt „Deutungskämpfe um sexualisierte Gewalt“ als Teil des Verbunds des Bayerischen Zentrums für Friedens- und Konfliktforschung (BZeFK) knüpft nun an die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit Menschenrechten, deren politische Praxis und praktische Weiterentwicklung an, die in Deutungskämpfen stattfindet und kontinuierlich weitere Deutungskämpfe hervorbringt. Die in der ersten Projektphase bereits durchgeführten komparativen Studien zu Deutungskämpfen um konfliktbasierte sexualisierte Gewalt werden thematisch fokussiert weitergeführt, um die Verschränkungen politischer Entscheidungen und Institutionen mit wissenschaftlichen Diskursen und Debatten in den jüngsten Deutungskämpfen zu untersuchen. Dafür werden die Deutungskämpfe um sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in Deutschland bezüglich der Verantwortung(en) politischer, wissenschaftlicher und zivilgesellschaftlicher Akteur*innen in den Blick genommen. Zentral wird hierbei die Dynamik von Gegenläufigkeit(en) zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Akteur*innen, normativen Ansprüchen und institutionellen Realitäten sein, die Deutungskämpfe um sexualisierte Gewalt prägt. Untersucht werden parlamentarische Debatten, ministerielle Materialien und Aussagen von interviewten Schlüsselakteur*innen aus Politik, Wissenschaft, Praxis und Betroffenenvertretung, um die Strukturen dieser Deutungskämpfe zu rekonstruieren. Anhand von ”Justice”-Ansätzen können sodann unterschiedliche Dimensionen von Gerechtigkeit (Anerkennung, Prävention, Transformation) adressiert werden. Ziel ist es, Spannungsfelder, Konfliktlinien und Wechselwirkungen dieser Deutungskämpfe zwischen Verantwortungszuschreibungen, gesellschaftlichen Normen sowie sozialen und institutionellen Praktiken offenzulegen, und aufzuzeigen, wie Verantwortung in diesem Kontext gesellschaftlich ausgehandelt und politisch (nicht) umgesetzt wurde.
Literatur
- Berth, F., Derr, R., Gulowski, R., Hank, D., Kindler, H., Kirchberg, A., & Sohler, P. (2025). Unrechtserfahrungen von Kindern und Jugendlichen im Rahmen von Unterbringungen durch das Jugendamt der Landeshauptstadt München (1945 bis 1990). Soziale Passagen, 1-6.
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