Eine Theorie der Dritten

Projektbeschreibung

„Eine Theorie der Dritten. Bystander als konstitutive Akteursposition in Gewaltkonstellationen. Eine sozialwissenschaftliche Rekonstruktion und ihre Schlussfolgerungen für Prävention, Intervention und Aufarbeitung“ (Arbeitstitel)
 

Die Arbeit verfolgt das Ziel, die Rolle von „Dritten“ in Gewaltkonstellationen – insbesondere im Kontext sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend – sozialwissenschaftlich zu rekonstruieren und theoretisch weiter auszuarbeiten. Ausgangspunkt ist die in den letzten Jahrzehnten deutlich ausdifferenzierte Gewaltforschung, die Gewalt zunehmend als interaktives, situatives und sinnhaftes Geschehen versteht (vgl. Sofsky 1997; Collins 2008; Reemtsma 2008; Koloma Beck 2017; Hoebel/Knöbel 2019). An diese Entwicklungen anschließend richtet das Projekt den Fokus auf jene Akteurspositionen, die jenseits der unmittelbaren dyadischen Beziehung von Tatpersonen und Betroffenen angesiedelt sind und in vielfältiger Weise an Gewaltkonstellationen beteiligt sind. Im Zentrum steht die Annahme, dass Dritte – etwa als Peers, Fachkräfte, Angehörige oder institutionelle Akteur:innen – wesentlich zur Hervorbringung, Stabilisierung, Transformation oder Unterbrechung von Gewalt beitragen können. Ziel ist es, Bystander als relationale und dynamische Akteursposition zu konzeptualisieren, die zwischen Handlungs(ohn)macht situativen Dynamiken und strukturellen Rahmenbedingungen vermittelt (Agency). Das Projekt knüpft dabei an triadische Ansätze der Gewaltforschung (vgl. Reemtsma 2008; Koloma Beck/Schlichte 2018; Hartmann 2019) sowie an sozialtheoretische Überlegungen zur Figur des Dritten (vgl. Bedorf et al. 2010) an und verbindet diese mit interpretativen und rekonstruktiven Zugängen, insbesondere Agency- und Positioning-Analysen (vgl. Lucius-Höhne/Deppermann 2004; Helfferich 2012; Kruse 2015). Empirisch basiert die Arbeit auf einer qualitativ-rekonstruktiven Sekundäranalyse dreier Datensätze aus den Bereichen Prävention, Intervention und Aufarbeitung. Der wissenschaftliche Beitrag des Projekts liegt darin, bestehende theoretische Perspektiven auf Gewalt um eine systematische Analyse der Rolle Dritter zu ergänzen und diese empirisch zu fundieren. Zugleich zielt das Projekt auf praxisrelevante Implikationen, indem es Ansatzpunkte für Prävention, Intervention und Aufarbeitung entwickelt, die die komplexen Deutungs- und Handlungssituationen von Bystander:innen berücksichtigen (vgl. Banyard 2011; Labhardt et al. 2017). Damit versteht sich die Arbeit als Beitrag zur weiteren Differenzierung und Integration aktueller Debatten in der Gewaltforschung sowie zur evidenzbasierten Weiterentwicklung entsprechender Literatur:

Literatur

  • Banyard, Victoria (2011): Who will help prevent sexual violence: Creating an ecological model of bystander intervention. Psychology of Violence, 1(3), 216–229.
  • Banyard, Victoria/Waterman, Emily/Edwards, Kathy/Valente, Thomas (2022): Adolescent Peers and Prevention: Network Patterns of Sexual Violence Attitudes and Bystander Actions. Journal of interpersonal violence, 37, 13-14, NP12398-NP12426
  • Bedorf, Thomas, Lindemann, Gesa & Fischer, Joachim (2010). Theorien des Dritten: Innovationen in Soziologie und Sozialphilosophie. Wilhelm Finke.
  • Collins, Randall (2008): Violence. A Micro-sociological Theory. Princeton: Princeton University Press.
  • Hartmann, Eddie (2019). Die Gewalttheorie von Jan Philipp Reemtsma: Programmatische Impulse für eine Allgemeine Soziologie der Gewalt. Zeitschrift für theoretische Soziologie, 8(1), 74-85.
  • Helfferich, Cornelia (2012): Einleitung: Von roten Heringen, Gräben und Brücken. Versuche einer Kartierung von Agency-Konzepten. In: Bethmann, Stephanie; Helfferich, Cornelia; Hoffmann, Heiko; Niermann, Debora (Hrsg.): Agency. Qualitative Rekonstruktionen und gesellschaftstheoretische Bezüge von Handlungsmächtigkeit. Weinheim: Juventa. S. 9-39.
  • Hoebel, Thomas & Knöbl, Wolfgang (2019). Gewalt erklären!: Plädoyer für eine entdeckende Prozesssoziologie. Hamburger Edition.
  • Imbusch, Peter (2017). Die Rolle von ‚Dritten‘ eine unterbelichtete Dimension. In: Batelka, Philipp/ Weise, Michael  / Stephanie Zehnle (Hg.): Zwischen Tätern und Opfern Gewaltbeziehungen und Gewaltgemeinschaften, 47-74.
  • Knöbl, Wolfgang (2017): »Perspektiven der Gewaltforschung«. In: Mittelweg 36 26(3), S. 4–27.
  • Koloma Beck, Teresa (2011). "The eye of the beholder: Violence as a social process." International Journal of Conflict and Violence (IJCV) 5.2 (2011): 345-356.
  • Koloma Beck, Teresa (2017): »Gewalt als leibliche Erfahrung«. In: Mittelweg 36 26(3), S. 52–73.
  • Koloma Beck, Teresa/ Schlichte, Klaus (2018). Theorien der Gewalt zur Einführung. Junius Verlag.
  • Kruse, Jan (2015): Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. 2. Auflage. Weinheim: Beltz Verlagsgruppe.
  • Labhardt, Danielle/Holdsworth, Emma/Brown, Sarah/Howat, Douglas (2017): You see but you do not observe: A review of bystander intervention and sexual assault on university campuses. Aggression and Violent Behavior, 35, 13–25.
  • Lucius-Hoene, Gabriele; Deppermann, Arnulf (2004): Rekonstruktion narrativer Identität. Ein Arbeitsbuch zur Analyse narrativer Interviews. 2. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
  • Reemtsma, Jan Philipp (2008): Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne.Hamburg: Hamburger Edition.
  • Reemtsma, Jan Philipp (2015): »Gewalt als attraktive Lebensform betrachtet. Ein Abschiedsvortrag für das Hamburger Institut für Sozialforschung«. In: Mittelweg 36 24(4), S. 4–16.
  • Sofsky, Wolfgang (1997): »Gewaltzeit«. In: Trotha, Trutz von (Hg.): Soziologie der Gewalt. Sonderheft 37der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 102–121.

Ansprechpartner*innen

wissenschaftliche Mitarbeiterin (beurlaubt)
Politikwissenschaft, Friedens- und Konfliktforschung

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