Die Bukowina und ihre natürlichen Merkmale: Vertikale Zivilisierung für Feuchtgebiete und Völker
Wie das Habsburgerreich Feuchtgebiete und Menschen gemeinsam „zivilisieren“ wollte
Dieses Teilprojekt "Die Bukowina und ihre natürlichen Merkmale" untersucht Meliorationen in der habsburgischen Bukowina als Fallstudie innerer Kolonisierung und imperialen Staatsaufbaus. Es soll analysiert werden, wie staatlich initiierte Projekte zur Entwässerung und Bodenverbesserung, sog. Meliorationen, als Teil einer „Zivilisierungsmission" waren. Die "Verbesserung" bzw. Melioration der Umwelt diente hier zugleich der politischer Rechtfertigung habsburgischer Herrschaft in dieser ehemals moldauischen, multiethnischen, multireligiösen östlichen Peripherie.
Innerhalb der Forschungsgruppe „Thinking with Wetlands" befasst sich das Projekt mit deren Kernthemen Gesellschaft und Staat sowie Wissen und Wissenschaft und insbesondere mit dem „Staat im Sumpf". Dieses Teilprojekts verfolgt dabei drei methodische Ansätze: Erstens untersucht es die Verwaltungsgeschichte der Meliorationen im begrifflichen Untersuchungsrahmen eines „kooperativen Imperiums" und analysiert so Aushandlungsprozesse zwischen imperialen Behörden, dem Bukowiner Landtag, dem Griechisch-Orientalischen Religionsfonds und diversen lokalen Gemeinschaften, u.a. rumänischen, ukrainischen, deutschen, jüdischen und polnischen. Zweitens entwickelt es eine „imperiale Biographie" anhand Adolf Friedrichs (1852-1932), des führenden habsburgischen Meliorationsexperten, der 1903 die Bukowina begutachtete. Es wird untersucht, wie dessen Arbeit koloniale Perspektiven auf die „Kultivierung" von Natur und Menschen einschloss und wie er zugleich die Expertise zwischen dem imperialen Zentrum Wien und seiner östlichsten Peripherie zirkulieren ließ. Drittens nutzt es Digital-Humanities zur Analyse historischer Karten (u.a. die Josephinische und Franziszeische Landesaufnahme), um langfristige Landschaftsveränderungen und Meliorationsergebnisse nachzuvollziehen und umwelthistorisch zu bearbeiten.
Das Projekt leistet innovative Beiträge, indem es, erstens, kleine und mittelgroße Meliorationsprojekte statt wie in der Forschung oft üblich große Flussregulierungen fokussiert; zweitens Mechanismen eines „kooperativen Imperiums" anstelle obrigkeitlicher Durchsetzung betont; und drittens aufzeigt, wie einzigartige Charakteristika der Bukowina – ihre „vertikale" Landschaft vom Hochgebirge bis zu den Flussauen, ihre Bevölkerungsvielfalt ohne eine klare ethnische Mehrheit und ihre Schaufensterfunktion als habsburgische Pufferzone gen Osten – sie zu einem idealen Labor machen, um die Parallelen zwischen externer und interner Kolonisierung zu untersuchen. Das Projekt stellt die Geschichte habsburgischer Wasserbautechnik dabei in umfassendere europäische und globale Modernisierungsdiskurse und untersucht zugleich kritisch die ökologischen und sozialen Folgen von Meliorationsprojekten.
Mehr zum Forschungsprojekt erfahren Sie hier: Wetlands Download Bukovina D.pdf 107,1 KB