Feuchtgebiete erleben. Küstenmarschen als umkämpfte Landschaften

Feuchtgebiete Lincolnshire
Fens Area of Lincolnshire CC BY-NC-ND

Im Zentrum des Vorhabens stehen küstennahe Feuchtgebiete sowie deren Wahrnehmung durch Menschen, die in und mit diesen Regionen lebten oder sie von außen betrachteten und ihren Normvorstellungen unterwarfen. Konkreter Untersuchungsgegenstand sind die ostenglischen Fens, die aber eingebettet werden sollen in europäische Wahrnehmungen und Entwicklungen. 


Anknüpfend an die für das Gesamtprojekt „Thinking with Wetlands“ festgestellten Desiderate identifiziert der Antrag folgende fünf Ansatzpunkte einer Neubetrachtung der Fens:

1. Die bisherige Forschung fokussiert stark auf die Trockenlegung und die obrigkeitlichen Bemühungen darum, vor allem in den Jahren von ca. 1630 bis 1660. 2. Einerseits hat eine stark wirtschaftshistorisch ausgerichtete Forschung den Fortschrittsoptimismus vergangener Drainagebemühungen fortgeschrieben, andererseits hat die Protestforschung die zeitgenössischen Widerstände ins Zentrum gerückt. 3. Die bisherige Forschung ist folglich von dichotomischen Annahmen geprägt, etwa zwischen Fortschritts- und Verlusterzählungen. 4. Anachronistische Kategorien, etwa in Bezug auf das vorhandene Wissen, prägen bis heute die Deutung der vergangenen Handlungsweisen. 5. Technologische und verwaltungshistorische Aspekte sind stark betont worden und auf den „Staat“ als Akteur bezogen worden.

In Übereinstimmung und als substantieller Beitrag zum Gesamtvorhaben möchte das Teilprojekt dichotomische, anachronistische und in Teilen teleologische Erzählungen aufbrechen und auf zeitgenössische Perspektiven fokussieren. Es geht um die Vielfalt der verschiedenen Deutungen und Narrative, um konkurrierende Wissensformen und die heterogenen Akteur*innen, um den Einbezug späterer Entwicklungen bis ins 18. Jahrhundert und die beginnende Aufklärung hinein, so dass ein direkter Übergang zum Projekt inland hergestellt werden kann, sowie schließlich um eine Ausweitung der Perspektive und die Verortung der englischen Entwicklungen in einen europäischen Rahmen (Niederlande, Italien, Frankreich sollen beispielhaft berücksichtigt werden). Die Vielfalt der Wahrnehmungen und Deutungen, die sich in durchaus asymmetrischen Diskursen spiegelt, ist dezidiert Teil des Forschungsdesigns, so das subalterne, lokale und auch weibliche Perspektiven stärker als bislang geschehen herausgearbeitet werden sollen. Damit soll eine Fokussierung auf "staatliche" Akteure hinterfragt und ergänzt werden. Das Projekt leistet zudem einen Beitrag zu einer längerfristigen historischen Semantik von Feuchtgebieten und somit zum Projekt metaphors. Für den angestrebte longue-durée-Ansatz ist ein chronologischer Startpunkt vor dem Beginn der Aufklärung von entscheidender Bedeutung.

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