Das deutsch-französische Projekt (Université de Lorraine) will am Beispiel der Marie Leprince de Beaumont das Konzept der Aufklärung und seine unterschiedliche Auffassung in Deutschland und Frankreich neu hinterfragen. Marie Leprince de Beaumont (1711-1780) zählt zu Lebzeiten zu den wichtigsten Autoren der Erziehungsliteratur in Frankreich. Davon zeugt allein die Rezeptionsgeschichte ihrer Magasins, die in Übersetzung in weiten Teilen Europas Verbreitung finden. Trotz des großen Einflusses zu Lebzeiten ist die Forschung zu Leben und Werk der Polygraphin als sehr lückenhaft zu beurteilen.

 

Dabei zeugen das Werk und die Einstellungen der katholischen Erzieherin von Positionen, die kaum mit dem ideologischen, traditionellen Bild der französischen Aufklärungsbewegung vereinbar ist. Ihr Gesamtwerk veranschaulicht ihren Glauben an den Fortschritt und die Perfektibilität des Menschen. Es reiht sich ein in das aufklärerische Projekt der Divulgierung der damaligen Wissensbestände, welches auch Anliegen der Enzyklopädisten war. Darüber hinaus kämpft sie für das Recht der Frauen auf Wissen und intellektuelle Gleichstellung. Damit schreibt sich Marie Leprince de Beaumont voll und ganz in die intellektuellen und religiösen Debatten ihrer Zeit ein. Dennoch wurde sie bis heute aufgrund ihres Katholizismus eher der Gegenaufklärung zugerechnet. Ihre Schriften hingegen fordern vielmehr eine Infragestellung des traditionellen Gegensatzes zwischen Aufklärung und Gegenaufklärung, wie er vor allem in der französischen Literaturgeschichtsschreibung aufrechterhalten wird. Ein transkultureller Zugang zum Werk dieser Autorin soll dazu dienen, das Konzept der Aufklärung in Frankreich und Deutschland zu überdenken und damit nicht zuletzt zwei unterschiedliche wissenschaftliche Traditionen zu kontrastieren.

 

Die vorgesehenen Tagungen, die Herausgabe von Originaltexten sowie die angestrebten wissenschaftlichen Arbeiten stehen im Kontext des von der DFH geförderten PHD-Tracks „Europäische Kommunikationskulturen“.

Das Projekt wird ab dem 01.01.2015 für die Dauer von drei Jahren durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und die französische Agence Nationale de la Recherche (ANR) gefördert.

 

Lehrstuhlinhaberin
Romanische Literaturwissenschaft (Französisch/Italienisch)

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