Jakob-Fugger-Zentrum
Pa’i ha paje – Schamanen und Priester. Neue Quellen in Guarani und Spanisch zur europäischen und indigen-amerikanischen Medizin in den Jesuitenmissionen Südamerikas
In den letzten zehn Jahren wurden in Bibliotheken und Archiven in Amerika und Europa mehrere Manuskripte entdeckt, die für die Medizingeschichte des kolonialen Lateinamerikas von großer Bedeutung sind. Diese Entdeckungen haben zu verschiedenen Forschungsansätzen (anthropologischen, linguistischen und historischen) geführt, die jedoch oft stark dadurch eingeschränkt sind, dass einige der Manuskripte teilweise in (kolonialem) Guarani verfasst sind.
Das vorrangige Ziel des Projekts „Pa’i ha paje“ ist es daher, diese Texte der weltweiten Gemeinschaft zugänglich zu machen, indem die in Guarani verfassten Texte übersetzt und die in Spanisch verfassten Texte im Rahmen einer kommentierten kritischen Online-Ausgabe transkribiert werden. Diese Ausgabe wird von einem erweiterten Online-Glossar medizinischer und pharmazeutischer Begriffe begleitet, die in den jesuitischen Guarani-Missionen in Paraguay und der Region Río de la Plata verwendet wurden. Die Einträge im Glossar werden über Hyperlinks mit den Textstellen verknüpft, in denen sie vorkommen, einschließlich Metadaten zum Dokument, seinem Verfasser, dem Datum und der Uhrzeit der Entstehung des Manuskripts sowie Behandlungsbeispielen und Dreisprachigen Übersetzungen der medizinischen und pharmakologischen Begriffe (Guarani/Spanisch/Latein). Dadurch werden die Informationen für Forscher verschiedener Disziplinen und mit unterschiedlichen Forschungszielen zugänglich gemacht und neue Arten der Analyse ermöglicht.
Das zweite (analytische) Ziel besteht darin, den Zusammenhang zwischen diesen neuen Quellen im Hinblick auf den Transfer von medizinischem und pharmazeutischem Wissen zu klären, den Ursprung einer bestimmten Behandlung oder eines bestimmten Arzneimittels zu ermitteln sowie die Entwicklung der Terminologie in Bezug auf Substanzen sowohl europäischen als auch indigen-amerikanischen Ursprungs nachzuzeichnen. Die Kombination von fachspezifischem Wissen aus verschiedenen Disziplinen zum historischen Kontext des 18. und 19. Jahrhunderts, die Analyse sprachlicher Besonderheiten und die Einbeziehung von Metadaten zu den Dokumenten selbst (Entstehung, Weitergabe und Archivierung) werden neue Erkenntnisse über die Hybridisierung von Wissen im Kontext der Jesuitenmissionen liefern.
Joachim Steffen (Universität Augsburg)
Ignacio Telesca (Universidad Nacional de Formosa)
Harald Thun (C.A.U. Kiel)