Das Projekt untersucht am Beispiel historischer Flurnamen, wie die Digitalisierung den kulturellen, epistemischen und ontologischen Status von Kulturerbe verändert. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Digitalisierung nicht lediglich der Sicherung und Zugänglichmachung dient, sondern Kulturgüter durch Auswahl, Strukturierung, Formalisierung und Modellierung neu konstituiert. Flurnamen eignen sich hierfür besonders, da sie sprachliche, räumliche, historische und erinnerungskulturelle Bezüge verbinden und häufig vage, mehrdeutig sowie nur kontextgebunden lokalisierbar sind.

 

Theoretisch verknüpft das Vorhaben Critical Heritage Studies, Digital Humanities, kritische Kartographie und GIScience. Untersucht wird, wie analoge Überlieferungsformen – etwa Karten, Karteikarten, Ortschroniken oder mündliche Auskünfte – bereits Wissensordnungen erzeugen und wie diese bei der Überführung in digitale Datenstrukturen weiter transformiert werden. Im Zentrum stehen unterschiedliche räumliche und semantische Repräsentationsformen, darunter Punkte, Flächen, unscharfe Regionen und Wissensgraphen. Analysiert wird, welche Annahmen diese Modelle über Raum, Grenzen, Bedeutung, Provenienz und Unsicherheit treffen und welche Bedeutungsverschiebungen daraus entstehen.

 

Methodisch kombiniert das Projekt begriffliche Klärung, Quellen- und Medienanalyse, die Sondierung bayerischer Flurnamensammlungen sowie exemplarische GIScience-basierte Modellierungsstudien. Ziel ist ein vergleichender analytischer Rahmen für die kritische Digitalisierung von Kulturerbe. Das Projekt soll zeigen, wie digitale Repräsentationen Flurnamen sichtbar, findbar, vernetzbar und interoperabel machen, zugleich aber Vagheit, lokale Semantik und historische Mehrschichtigkeit behandeln können ohne ihren Informationsreichtum zu reduzieren.

Professorin für Geoinformatik
Geoinformatik

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