Das vorliegende Projekt widmet sich der problematischen Natur der Konstruktion von Gemeinschaften aus kulturkritischer, literaturtheoretisch/ästhetischer und ethischer Perspektive. Als Gegenbegriff- bzw. Komplementärbegriff zur „Gesellschaft“ ist die „Gemeinschaft“ mit spannungsreichen Konnotationen aufgeladen, einerseits positiv mit emotionalen Metaphern, die Wärme, Geborgenheit, Liebe, Freundschaft und Vertrautheit symbolisieren, andererseits – und spätestens seit der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschaft’ – gelten Gemeinschaften und ihre spezifischen Strukturen auch als potenziell gefährlich, da sie essentielle, mithin sogar totalitäre Strukturen zeitigen können bzw. nachgerade von diesen konstituiert werden. Während die Gesellschaft charakterisiert ist von im ganzen unpersönlichen, amorphen Interaktionen, die zweckorientiert instrumentalisiert erscheinen (E. Durkheim, M. Weber, F. Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft; H. Plessner, Grenzen der Gemeinschaft), so basiert die Konstruktion von Gemeinschaften (oft gegen Tendenzen der Gesellschaft) auf persönlicher face-to-face-Interaktion und gerade in der Spätmoderne auf dem Versuch der Wiederherstellung von Identität und Sozialkapital.

Das vorliegende Projekt wird deshalb komparatistisch/kontrastierend unterschiedliche Gemeinschaftsformen untersuchen (Großbritannien, Irland, Südafrika), die auf ebenso unterschiedlichen kulturellen Differenzierungsniveaus angesiedelt sind, um überzeugend nachzuweisen, wie gesellschaftliche Differenzierung und Gemeinschaftskonstruktion zusammenhängen. Alle diese Gesellschaften und deren Gemeinschaftskonstruktionen haben gemeinsam, dass ihnen charakteristische Zeitstrukturen innewohnen: subjektives Zeiterleben, soziale Zeitkonventionen, sowie mythisches Zeiterleben; alle diese Gesellschaften/Gemeinschaften haben ein dezidiert ausgeprägtes Verhältnis zur Zeitlichkeit, d.h. zur Vergänglichkeit menschlichen Lebens und dem Tod.

Aus dieser Diagnose ergibt sich nicht nur die Möglichkeit zu untersuchen, wie Gemeinschaften konstruiert werden, auf welchen Funktionen und Mechanismen sie beruhen, sondern auch die Perspektive ihrer Dekonstruktion. Philosophische Ansätze von M. Blanchot, Georges Bataille, Zygmunt Bauman, Jean-Luc Nancy, Giorgio Agamben oder Roberto Esposito haben eine neue, alternative Betrachtungsweise der Gemeinschaft vorgelegt, indem sie ontische und ontologische Aspekte des Gemeinschaftsdenkens gegenüberstellen und damit ein Konfliktpotenzial ermitteln, welches in den untersuchten Dramen zu ganz neuen, innovativen Analyseergebnissen führt.

Zudem können diese Ergebnisse dazu verwendet werden, eine durch (dramatische) Literatur vermittelte postmoderne bzw. dekonstruktivistische Ethik zu präzisieren, deren Natur – wie die des Theaters – eine dezidiert performative ist. Gerade die Frage nach Inter-Aktion, nach dem gemeinschaftlichen Miteinander und der Natur der ‚kommenden Gemeinschaft’ (Giorgio Agamben) öffnet den Blick auf ethische Zentralprobleme und weiterführende Fragen nach Menschenrechten; nach der Frage, wie Menschen (zusammen)leben; ob es einen universellen Geltungsanspruch für diese Rechte gibt; und wie bzw. ob sich solch ein Geltungsanspruch in einem transkulturellen Rahmen validieren lässt. Mit der in den zu untersuchenden literarischen Kon- und Refigurationen von Gemeinschaft lässt sich so ein Ausblick wagen auf eine „literarische Gemeinschaftlichkeit“ (Nancy), die nicht nur (utopische) Möglichkeiten einer ‚kommenden Gemeinschaft’ im Sinne Agambens in Text/Leser/Zuschauer-Relationen entwickelt, sondern literaturtheoretisch einen innovativen Beitrag zur Explizierung der Beziehung von Literatur/Theater und Lebenswelt allgemein leistet.

Lehrstuhlinhaber
Englische Literaturwissenschaft

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